Autor: Martin Pelzer

  • Hassen Verkehrswende-Befürworter Autos?

    Hassen Verkehrswende-Befürworter Autos?

    Die aktuelle Bonner Verkehrspolitik wird von manchen als Bevorzugung des Radverkehrs gesehen. Dies geht so weit, dass sogar “Autohass” vorgeworfen wird. Dabei geht es lediglich um den Abbau von Privilegien und eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raumes. Mit Hass hat das nichts zu tun.

    Kürzlich wurde ich auf Social Media als “Autohasser” bezeichnet. Was war geschehen? Nachdem ein Taxifahrer sich in der Lokalzeitung über ein Knöllchen wegen Falschparken beschweren durfte, schlug ich die Einrichtung von Lieferzonen in jeder Straße vor, die auch von Taxen genutzt werden könnten. Dabei wies ich darauf hin, dass dies am einfachsten ginge, indem man in jeder Straße zwei bis drei bestehende Parkplätze zu einer Lieferzone umwandelt. Das reichte aus, damit mich jemand als “Autohasser” bezeichnete.

    Verschiedene Sichtweisen: Fahrrad, zu Fuß, ÖPNV, Auto

    Ich hasse keine Autos. Ich besitze zwar selbst keins, da es sich für mich finanziell einfach nicht lohnt. Trotzdem fahre ich doch mindestens einmal pro Monat per Carsharing Auto und bin dann auch recht froh darüber, dass es Autos gibt. Z.B. für Besuche von Freunden irgendwo im Siebengebirge, für die Fahrt zu einer Hochzeit irgendwo in der Eifel oder einfach nur, weil ich im Baumarkt viel Zeug für den Garten besorgen möchte. Es gibt eine Reihe Anwendungsfälle für mich, für die Autos eine gute Lösung sind.

    Was mich von dem Menschen, der mich als “Autohasser” bezeichnet hat, offensichtlich unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich neben der Autofahrerbrille auch immer wieder die Radfahrer-, die Fußgänger- und die ÖPNV-Nutzer-Brille trage, wenn ich mich durch unsere Stadt bewege. Nimmt man diese unterschiedlichen Perspektiven regelmäßig ein, wird man schnell feststellen, dass der Raum in unseren Straßen sehr einseitig zugunsten des Autos verteilt ist. Und das führt zu Gedanken, ob das so richtig ist.

    Beispiel Drususstraße

    Ich möchte dies am Beispiel einer Bonner Straße verdeutlichen: der Drususstraße in Castell, einer eher ruhigen Anwohnerstraße ohne Durchgangsverkehr. Schauen wir uns zwei Fotos der Straße an:

    Um diese Fotos einordnen zu können sollten wir uns ansehen, welche Bedarfe an eine solche Straße typischerweise gestellt werden:

    • Menschen, die mit dem Auto fahren, möchten dort durchfahren können.
    • Menschen, die zu Fuß gehen, möchten die Straße entlang gehen können. Dies betrifft auch Menschen mit Kinderwagen, Menschen mit Einkaufstrolleys oder mobilitätseingeschränkte Personen mit Rollator oder Rollstuhl.
    • Radfahrende Menschen möchten durch die Straße fahren können.
    • Menschen, die ein Auto, aber keinen privaten Stellplatz besitzen, möchten dieses parken. Gleiches gilt für Firmenfahrzeuge in der Straße ansässiger Unternehmen.
    • Menschen, die ein Fahrrad, aber keinen privaten Stellplatz besitzen, möchten dieses parken. Gleiches gilt für Räder in der Straße ansässiger Unternehmen.
    • Handwerker sowie Lieferdienste möchten ihre Fahrzeuge kurzzeitig in der Nähe ihrer Kunden abstellen (Lieferzonen).
    • Anwohner*innen möchten, dass ihre Kinder draußen, und damit auch im Bereich der Straße, sicher spielen können. Dazu möchten Anwohnende u.a., dass Autos nicht zu schnell fahren.
    • Polizei, Rettungswagen und insbesondere Feuerwehr möchten ausreichend Platz, um im Notfall die Straße passieren zu können.
    • Um sich an den Klimawandel anzupassen, möchte die Stadt mehr Bäume pflanzen und Flächen entsiegeln, um dadurch der Aufheizung der Stadt entgegenzuwirken.

    Zeigen die Fotos einen guten Kompromiss?

    Nun schauen Sie sich nach der Lektüre dieser – bestimmt nicht vollständigen – Anforderungen die obigen Fotos der Drususstraße noch mal an und stellen sich die Frage, ob all diese Interessen bei der aktuellen Nutzung dieser Straße berücksichtigt werden. Diese Frage kann man nur mit “Nein” beantworten.

    In der Drususstraße ist der Gehweg auf der einen Seite durch gekipptes Autoparken so schmal, dass zufussgehende Menschen mit Kinderwagen o.ä. diesen nicht verwenden können (erstes Foto rechte Seite). Ein Queren der Straße, um ein Gebäude auf der anderen Seite zu erreichen, ist aufgrund der durchgehend beparkten Straße erschwert. Radfahrende fahren durch die beidseitig geparkten Autos und die recht schmale Fahrbahn eigentlich immer in der gefährlichen Dooring-Zone. Fahrradabstellplätze existieren im öffentlichen Raum der Straße überhaupt nicht. Auch eine Lieferzone sucht man vergeblich. Für Autoparkplätze hingegen wird sehr viel Platz eingeräumt. Im zweiten Foto sieht man sogar platzraubende Schrägparkplätze, denen offensichtlich Vorrang vor einem Radweg, Fahrradbügeln zum Abstellen von Fahrrädern gegeben wurde.

    Stadtbezirk Bonn: die Hälfte der Haushalte ohne Auto

    Wenn ich Ihnen jetzt noch sage, dass im Stadtbezirk Bonn fast die Hälfte aller Haushalte (46%) gar kein Auto besitzt, dann wirken die Fotos der Drususstraße nochmal einseitiger.

    Natürlich sind einige der genannten Interessen gegenläufig und somit nicht vollständig umsetzbar (z.B. möglichst viel Autoparkraum vs. breite Gehwege oder Parkplätze vw. Lieferzonen). Es muss ein Kompromiss gefunden werden, der möglichst viele Interessen berücksichtigt. Die Drususstraße zeigt, dass in Bonn in den letzten Jahrzehnten dieser Kompromiss nicht gesucht wurde. Straßen wurden einseitig zugunsten der Interessen der Autofahrenden gestaltet und genutzt. Andere Interessen wurden nur nachrangig oder überhaupt nicht berücksichtigt.

    Lösung: Straßenraum neu aufteilen

    Bonn möchte die Verkehrswende umsetzen. Der Anteil des Fuß- und Radverkehrs sowie des ÖPNV sollen steigen. Dafür brauchen wir passende Infrastruktur. Das sind nicht nur neue Stadtbahnlinien und Radwege durch die Rheinaue. Wir müssen auch über die Neuverteilung des bestehenden Straßenraums sprechen.

    Wie können wir den vorhandenen – und begrenzten – Straßenraum so verteilen, dass die Interessen aller berücksichtigt werden? Wenn wir diese Neuverteilung vornehmen, werden mehr Menschen auf alternative Verkehrsträger umsteigen, weil sie merken, dass diese durch ernstzunehmende Infrastruktur angenehmer für sie zu nutzen werden. 

    Weiteres Beispiel Niebuhrstraße

    Die Drususstraße habe ich als Beispiel genommen, da sie besonders negativ hervorsticht. Aber auch in vielen anderen Bonner Straßen kann man sich fragen, ob dort wirklich ein guter Kompromiss aller Interessen gefunden wurde.

    Dieses Foto zeigt die Niebuhrstraße in der Südstadt. Auch hier hat man sich für platzraubende Schrägparkplätze und gegen einen Radweg oder Fahrradbügel entschieden. Ich habe in der gesamten Niebuhrstraße keine einzige Möglichkeit zum Parken eines Fahrrades gesehen. 

    Da die Schrägparker aber anscheinend noch nicht ausreichend, hat man dann auch noch auf der anderen Seite den Gehweg auf die absolute Mindestbreite halbiert, damit noch mehr Autos parken können. Bäume oder anderes Grün sieht man hier – außer auf privaten Grundstücken – gar keine. Auch die Niebuhrstraße wird maximal einseitig für die Interessen der autofahrenden Bevölkerung genutzt.

    Beispiel Adenauerallee

    Dieses Foto zeigt die zur Zeit heiß diskutierte Adenauerallee. Auf der linken Straßenseite liegt das Beethovengymnasium. Wurden hier bei der Straßengestaltung wirklich die Interessen einer Schule in irgendeiner Form berücksichtigt? Nein. Sogar die Bushaltestelle engt den Gehweg ein – und das direkt vor der Schultür. Dieses Foto zeigt deutlich, dass die oberste Maxime bei der Gestaltung dieser Straße der Durchsatz an Autos war. Und das ist maximal einseitig. Auch wenn es sich bei Adenauerallee um eine Bundesstraße handelt, so gibt es dort trotzdem Interessen von nicht-Autofahrenden, die ebenfalls Berücksichtigung finden müssen.

    Die wirklich katastrophale Radinfrastruktur in diesem Foto lässt sich eigentlich fast gar nicht als solche bezeichnen. Der Schutzstreifen hat keinen Abstand zu den parkenden Autos, so dass Radfahrer in die Dooringzone gezwungen werden. Außerdem verleiten die zwei Autospuren dazu, dass Autofahrer auf der rechten Spur Radfahrende mit deutlich zu wenig Abstand überholen – wie ich heute beim Befahren der Straße erst wieder mehrmals erfahren musste (sonntags bei wenig Verkehr). Die Interessen der Radfahrenden wurden bei der Gestaltung der Adenauerallee ignoriert und später durch Hinzufügen des schlechten Schutzstreifens zu reparieren versucht.

    Ist es Autohass, die Interessen aller zu berücksichtigen?

    Wenn ich also fordere, Parkplätze in Lieferzonen umzuwandeln oder gekipptes Parken auf viel zu schmalen Gehwegen abzuschaffen, dann ist das kein Autohass, sondern der Wunsch nach der Berücksichtigung der Interessen aller. Natürlich fühlt sich die Reduktion von Parkplätzen aus Sicht von Menschen, die sich ausschließlich mit dem Auto fortbewegen, ungerecht und falsch an. Das liegt aber nicht daran, dass autofahrende Menschen benachteiligt werden sollen, sondern dass autofahrende Menschen bisher über sehr große Privilegien verfügten (siehe Beispiel Drususstraße), die nun in Frage gestellt werden, um einen wirklichen Kompromiss zwischen den Interessen aller zu erreichen.

    Wir werden die Ziele der Verkehrswende nicht erreichen, indem wir die aktuelle Straßeninfrastruktur so lassen, wie sie ist. Dazu nimmt sie durch jahrzehntelange Privilegierung schlicht zu viel Platz ein und lässt zu wenig Raum übrig für die anderen Verkehrsteilnehmer. Die medienwirksam und mit viel Geld gestartete Kampagne der Bonner Wirtschaftsverbände sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Wirtschaftsverbände nur ein Interessensträger unter vielen in der Frage der Gestaltung des öffentlichen Raums sind. Anwohnende, Kinder in Schulen und Kitas, die Anpassung an den Klimawandel sind nur einige weitere Interessenträger, die auch Berücksichtigung finden müssen.

    Abbau von Privilegien des Autoverkehrs

    In den Bonner Medien und Teilen der Politik und Wirtschaft wird z.Zt. eine Bevorteilung des Radverkehrs gesehen. Ich halte dies für die Folge einer schiefen Wahrnehmung. Was in Bonn gerade passiert, ist der Abbau von Privilegien autofahrender Menschen zugunsten anderer Verkehrsarten. Um in den wenigen bisher umgesetzten Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrradinfrastruktur eine einseitige Bevorzugung des Radverkehrs zu sehen, muss man schon eine sehr starke Autofahrerbrille aufsetzen.

    Parken als berechtigtes Interesse unter vielen anderen

    Nun höre ich beim Schreiben schon den Aufschrei: “Wo sollen die Leute denn dann parken?” Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich halte das Interesse von Autobesitzern, ihr Auto irgendwo abzustellen, für berechtigt. Ich sehe nur nicht ein, wieso wir als Gesellschaft dieses Interesse über alle anderen stellen sollten. In den letzten Jahrzehnten wurden Interessen wie z.B. Fahrradparken, ausreichend breite Gehwege und auch Lieferzonen für den Wirtschaftsverkehr fast vollständig ignoriert, während Autoparken überall ermöglicht wurde wo es nur irgendwie ging – auf Kosten der anderen Interessenlagen. Ja, wir sollten Autoparkplätze im öffentlichen Raum vorhalten. Aber es können nur so viele sein, so dass auch alle anderen Interessen in der Straße ihren Raum finden.

    Bauen wir unsere Stadt so um, dass der Straßenraum nicht einseitig den Interessen der Autofahrenden genügt. Dann erreichen wir auch eine Verkehrswende hin zu mehr Fuß- und Radverkehr sowie mehr ÖPNV-Nutzung. Es reicht nicht, tolle neue Stadtbahnlinien zu bauen oder den Busverkehr durch Umweltspuren zu beschleunigen, wenn der Fußweg zur Haltestelle durch Gehwegparken ein Hindernisparcour bleibt.

    geschrieben von Martin P.

  • Verkehrswende ja – aber bitte nicht mein Auto anfassen

    Verkehrswende ja – aber bitte nicht mein Auto anfassen

    Die Kampagne “Vorfahrt Vernunft” der Bonner Wirtschaftsverbände (IHK, Kreishandwerkerschaft, Handwerkskammer, Einzelhandelsverband, City-Marketing) spricht sich vordergründig dafür aus, die Verkehrswende zu unterstützen. Abgesehen von der bereits offensichtlich dieser Aussage widersprechenden Tatsache, dass sich alle vier von der Kampagne aufgelisteten zentralen Herausforderungen um den Autoverkehr drehen und andere Verkehrsmittel daher anscheinend für die Wirtschaftsverbände weniger wichtig sind, lohnt ein Blick in die Texte der Kampagnen-Webseite, um zu sehen, dass die Bonner Wirtschaftsverbände den Begriff Verkehrswende anscheinend nicht verstanden haben.

    Was heißt eigentlich Verkehrswende?

    Zwar gibt es für den Begriff Verkehrswende durchaus unterschiedliche Definitionen. Für Bonn allerdings ist die Definition recht einfach. Bereits 2019 – noch vor der letzten Kommunalwahl – hat der Stadtrat mehrheitlich entschieden, wie die Verkehrswende in Bonn aussehen soll: Bis 2030 soll sich der Modal Split, also der Anteil der unterschiedlichen Verkehrsmittel am Gesamtverkehrsaufkommen, stark zugunsten der Verkehrsmittel ÖPNV, Rad und zu Fuß verschieben – mindestens 75% aller Wege in Bonn sollen 2030 mit diesen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Das ist eine enorme Verschiebung, wie ein Blick auf die beiden folgenden Grafiken zeigt.

    Quelle: Mobilität in Deutschland 2017, Auswertung für Bonn

    In Blautönen dargestellt ist der Anteil des Autoverkehrs (als Fahrer bzw. Mitfahrer) an den zurückgelegten Wegen in Bonn. In Grüntönen sind die Verkehrsmittel des sogenannten Umweltverbundes dargestellt: zu Fuß, Fahrrad, ÖPNV.

    Die letzte verfügbare Datengrundlage für den Modal Split stammt von 2017 und entstammt der vom Bundesverkehrsministerium in Auftrag gegebenen Studie “Mobilität in Deutschland” (2023 werden neue Daten erhoben, die 2024 zur Verfügung stehen sollten). 2017 lag der Anteil des Autoverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen in Bonn bei 41%. 2030 – das ist in gerade mal sieben Jahren – soll dieser Anteil auf maximal 25% gesunken sein. Das ist ein Rückgang um etwa 40%.

    Noch mal: Der Anteil des Autoverkehrs in Bonn soll bis 2030 um 40% zurückgehen. Gleichzeitig soll der Anteil der anderen Verkehrsträger um ein Viertel zunehmen. Das ist das Verkehrswende-Ziel, das die Stadt Bonn sich – vor bereits längerer Zeit – gegeben hat. Auch damals war die Motivation bereits sowohl der Klimaschutz als auch die Lösung der in Bonn unbestreitbar vorhandenen Verkehrsprobleme.

    Infrastruktur für die Zukunft

    Mit Blick auf dieses Ziel erscheint es logisch, dass die Verkehrsinfrastruktur in Bonn 2030 anders aussehen muss als jetzt. Zufussgehende und Radfahrende werden deutlich mehr Raum brauchen, da mehr Menschen zu Fuß gehen und Radfahren werden. Auch der ÖPNV muss deutlich ausgebaut werden, um der geplanten steigenden Bedeutung gerecht zu werden. Für den Autoverkehr hingegen wird künftig weniger Infrastruktur benötigt, da deutlich weniger Wege mit dem Auto zurückgelegt werden.

    Man kann darüber streiten, was der richtige Weg ist, diesen Zustand 2030 zu erreichen. Das Ziel an sich ist aber von einer breiten politischen Mehrheit in Bonn beschlossen (auch mit Zustimmung jetziger Oppositionsparteien) und sollte daher nicht Gegenstand der Diskussion sein.

    Wirtschaftsverbände fordern bessere Autoinfrastruktur

    An diesem Punkt lohnt ein Blick auf die Kampagnen-Webseite der Wirtschaftsverbände. Unter dem Stichwort “Lösungen” listet die Kampagne ihre Vorschläge für die Bonner Verkehrspolitik auf. Auffällig dabei: Geht es nach den Wirtschaftsverbänden, soll die Infrastruktur für alle Verkehrsträger – auch für das Auto – ausgebaut werden. 

    So schlägt die Kampagne beispielsweise vor, Ampelkreuzungen zu Kreisverkehren umzubauen, um dadurch die Kapazität für den Autoverkehr zu erhöhen. Auch eine Optimierung der Ampelschaltungen für den Autoverkehr schlägt die Kampagne vor und verfolgt damit ebenfalls das Ziel, den Verkehrsfluss zu beschleunigen und somit mehr Autoverkehr zu ermöglichen. Umweltspuren sollten für den Autoverkehr der Wirtschaftsunternehmen freigegeben werden – gerade erst dem ÖPNV zugeschlagener Platz also wieder teilweise zum Autoverkehr rückumverteilt werden.

    Dies sind nur einige der Maßnahmen, die die Kampagne für den Autoverkehr vorschlägt. Mit Blick auf das oben beschriebene Bonner Verkehrswende-Ziel erscheinen diese Vorschläge mehr als fragwürdig.

    Wieso sollte Bonn Infrastruktur für noch mehr Autoverkehr schaffen, wenn der Anteil des Autoverkehrs in den nächsten Jahren stark abnehmen soll? Wäre das sinnvoll verwendetes Geld? Der sowieso nur sehr begrenzt zur Verfügung stehende Platz in unserer Stadt wird für den Ausbau des ÖPNV sowie Rad- und Fußverkehr gebraucht – die Verkehrsmittel, die laut Beschluß gefördert werden sollen. Auch wenn man keine neuen Autostraßen baut, sondern nur die vorhandene Autoinfrastruktur effizienter macht (z.B. Ampelschaltungen) wird das nur zu noch mehr Autoverkehr statt weniger Stau führen, sofern nicht vorher die Alternativen massiv ausgebaut werden.

    Zu Recht weist die Kampagne darauf hin, dass gerade Wirtschaftsunternehmen bestimmter Branchen (z.B. Handwerk) z.Zt. noch schwer auf das Auto verzichten können. Auch  hierzu lohnt wieder ein Blick in die Mobilitätsstudie von 2017: Nur ein Drittel der Wege in Bonn ist berufsbedingt. Die restlichen zwei Drittel sind Privatfahrten, z.B. zum Einkaufen, zu Freizeitaktivitäten usw. Das bedeutet: Die Verlagerung weg vom Auto hin zu anderen Verkehrsträgern muss nicht unbedingt bei den Unternehmen passieren, die vom Auto abhängig sind. Gerade diese Unternehmen werden profitieren, wenn durch Verkehrsverlagerung der Autoverkehr abnimmt. Dann wird für den Wirtschaftsverkehr mehr Platz bleiben. Dazu braucht es aber keinen Ausbau der Autoinfrastruktur, sondern der Alternativen.

    Radwege ja, aber bitte woanders

    Dass die Wirtschaftsverbände primär das Auto im Blick haben, lässt sich auch an den Vorschlägen zum Radverkehr ablesen. So schlägt die Kampagne vor: “In den Innenstädten sollten durchgehende Radwegenetze geschaffen werden, die von den Hauptverkehrsstraßen des motorisierten Individualverkehrs größtenteils entkoppelt sind.” Das klingt erstmal gut. Beim zweiten Lesen fällt allerdings direkt auf: In diesem Satz versteckt sich die Forderung, die Auto-Infrastruktur möglichst nicht anzutasten und die zu errichtenden Radwege irgendwo anders zu bauen. Ideen, wo genau das passieren soll, wenn nicht im vorhandenen Straßenraum, bleibt die Kampagne schuldig.

    Auch an diesem Punkt sieht man wieder, dass die Wirtschaftsverbände anscheinend nicht anerkennen wollen, dass der Anteil des Autoverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen in Bonn sinken soll. Die Wirtschaftsverbände möchten den Status Quo der Auto-Infrastruktur beibehalten. Wird das so umgesetzt, wird der Anteil des Autoverkehrs nicht sinken. Menschen wählen das Verkehrsmittel, für das sie eine gute Infrastruktur in ihrer Umgebung vorfinden. 

    Diese gute Infrastruktur für Zufussgehende und Radfahrende muss jetzt gebaut werden. Für den ÖPNV muss sie ausgebaut werden. Dadurch wird die Nutzung alternativer Verkehrsmittel so einfach, sicher und attraktiv, dass die Leute umsteigen. Woher soll der Platz für diesen notwendigen Ausbau kommen, wenn nicht von der bisher sehr raumgreifenden Autoinfrastruktur? Eine Führung der Radverkehrs ausschließlich durch verwinkelte Nebenstraßen – also “entkoppelt” von den Hauptverkehrsstraßen – wird keine attraktive Radinfrastruktur hervorbringen, die wirklich als Alternative wahrgenommen wird.

    ÖPNV ja bitte – aber abseits der Autostraßen

    Dass die Wirtschaftsverbände auf der einen Seite einen Ausbau des ÖPNV fordern, auf der anderen Seite aber seit Monaten die Einrichtung von Umweltspuren (die den Busverkehr beschleunigen und den ÖPNV dadurch attraktiver machen sollen) auf dem Hermann-Wandersleb-Ring und der Oxfordstraße medial torpedieren ist ein weiterer Punkt, der zeigt, dass die Kampagne die Autoinfrastruktur bewahren möchte. Hier wird wieder sehr deutlich: Die Wirtschaftsverbände sind nur so lange für den Ausbau alternativer Verkehrsträger, wie der Autoverkehr nicht betroffen ist.

    Doch so wird es nicht gehen. Es existiert in Bonn einfach nicht genug grüne Wiese, um neben der existierenden Autoinfrastruktur noch gute Rad- und Gehwege sowie guten ÖPNV zu bauen. Der Platz in unserer Stadt ist begrenzt. 

    Ein Blick auf die Vorschläge der Kampagne zum ÖPNV verdeutlicht dies noch mehr: Seilbahnbau, Ausbau der S23 und mehr Stadtbahnen sind tolle Sachen, die ich auch alle befürworte. Aber es fällt doch sehr auf, dass sich die Kampagne zum Ausbau des Busverkehrs fast vollständig ausschweigt. Beim Busverkehr würde es sofort zu Platzkonflikten mit dem Autoverkehr kommen (siehe Umweltspuren) – also klammern die Wirtschaftsverbände das Thema anscheinend lieber aus.

    Das Dauerthema Parkplätze

    Auch zum Thema Parkplätze hat die Kampagne eine Meinung. Sie schreibt: “Eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung darf nicht mit einem wesentlichen Verlust an Parkraum einhergehen.” Einen Vorschlag hat sie auch gleich parat: “Wegfallender Parkraum auf der Straße muss also an anderer Stelle kompensiert werden: durch den systematischen Auf- und Ausbau von Quartiersgaragen.”

    Es erscheint doch sehr sportlich, in allen Bonner Vierteln bis 2030 Quartiersgaragen zu bauen, um dann anschließend noch den so gewonnenen Platz auf der Straße neu zu verteilen. Das ist in der verbleibenden Zeit wohl nicht umsetzbar – von der Finanzierung mal ganz abgesehen. Auch weitere Aspekte des Vorschlags wirken wenig durchdacht: Woher sollen die Grundstücke für diese Quartiersgaragen kommen? Sollen bestehende Wohngebäude abgerissen werden? Wer soll den Bau so vieler Garagen eigentlich bezahlen bzw. wer möchte sich den zweifelsohne durch die hohen Baukosten sehr teuren Stellplatz in so einer Garage leisten? Und wer möchte neben einer Quartiersgarage wohnen? Der Vorschlag scheint mir reine Verzögerungstaktik zu sein. Realistisch ist er nicht.

    Der Bau von Quartiersgaragen ist auch vor dem Hintergrund der gewollten Verringerung des Autoverkehrs bis 2030 nicht nachvollziehbar. Zum einen ist es nur logisch, dass sich durch Verlagerung von Verkehr auf alternative Verkehrsträger die Anzahl der Autos in unserer Stadt verringern wird. Wenn deutlich weniger Wege mit dem Auto zurückgelegt werden, wird es dazu weniger Autos brauchen. Menschen werden nicht auf Bus und Bahn umsteigen und weiterhin ein ungenutztes Auto an der Straße parken. Das macht allein aufgrund der hohen Kosten eines Autos schon keinen Sinn. Der zur Zeit in Bonn beobachtbare starke Ausbau des Carsharing kommt hinzu. Die Anzahl der benötigten Parkplätze wird also sinken. Dies macht den Nutzen teurer und zeitaufwändiger Quartiersgaragen fraglich.

    Natürlich brauchen vom Auto abhängige Menschen einen Parkplatz für ihr Auto. Dazu sollte aber erstmal das vorhandene Potential an Stellplätzen auf privatem Grund ausgenutzt werden. Die z.Zt. vorangetriebene Einführung von Anwohnerparkzonen wird – zumindest in Vierteln, die zentrumsnah oder nah an Arbeitsplatzschwerpunkten liegen – ebenfalls die Anzahl der erforderlichen Parkplätze reduzieren. Unternehmen sollten schauen, wie sie die Anreise ihrer Mitarbeiter anders als mit dem PKW gestalten können, sofern sie nicht über ausreichend eigenen Parkraum verfügen.

    Fazit

    2019 hat die Bonner Politik beschlossen, wie eine Verkehrswende in Bonn aussehen soll. Vier Jahre später haben die Bonner Wirtschaftsverbände dies anscheinend noch nicht verstanden. Das Ziel, bis 2030 75% der Wege auf den Umweltverbund (zu Fuß, Fahrrad, ÖPNV) zu verlagern ist nicht erreichbar, wenn man zwar immerhin einen Ausbau der Alternativen fordert, die Autoinfrastruktur aber wie eine heilige Kuh behandelt.

    Es muss eine Neuverteilung des Verkehrsraumes in unserer Stadt stattfinden, wenn wir die Verkehrswende schaffen wollen. Diese Neuverteilung kann nur zu Lasten des platzineffizientesten Verkehrsmittels gehen: des Autos. Platz für die stark auszubauende Gehweg-, Radweg- und ÖPNV-Infrastruktur wächst nicht auf Bäumen. Wir müssen mit dem Platz arbeiten, der da ist.

    Absurderweise wird durch diesen Umbau, den die Wirtschaftsverbände ablehnen, genau das erreicht, was die Kampagne als größte Herausforderung sieht: Das Bonner Stauproblem wird gelöst sein, wenn viele Menschen bis 2030 auf effizientere Verkehrsmittel umgestiegen sind. Davon wird insbesondere der Wirtschaftsverkehr profitieren.

    geschrieben von Martin P.

  • Gute Radinfrastruktur direkt hinter der Grenze in Maastricht

    Gute Radinfrastruktur direkt hinter der Grenze in Maastricht

    Maastricht liegt kurz hinter Aachen, ganz im Süden der Niederlande. Direkt hinter der Stadt beginnt bereits Belgien. Die Stadt ist mit etwa 120.000 Einwohnern deutlich kleiner als Bonn (330.000), hat aber nur eine etwas geringere Bevölkerungsdichte (ca. 2.000 zu ca. 2.300 Einwohner pro km²). Ähnlichkeiten zu Bonn sind der mitten durch die Stadt fließende Fluss – die Maas – als auch die sehr nah am Zentrum mitten durch die Stadt verlaufenden Autobahnen und Schnellstraßen. Im Gegensatz zu Bonn wird in Maastricht der ÖPNV komplett mit Bussen durchgeführt. Stadt- oder Straßenbahnen gibt es nicht. Dafür hat Maastricht wie Bonn einen am Rande der Innenstadt gelegenen Bahnhof.

    Wer bereits meine Beiträge zu San Sebastian und insbesondere Utrecht gelesen hat, wird ein paar Aspekte wiedererkennen. Konzentrieren möchte ich mich beim Bericht aus Maastricht insbesondere auf zwei Themen:

    • Das Thema Fahrradparken hat in Bonn durch die Ankündigung der Stadt, an mehreren Stellen automatisierte Radparkhäuser zu errichten, eine gewisse Aktualität.
    • Brücken für Radfahrende sind in Bonn ebenfalls ein Thema. Hier lohnt ein Blick auf Maastricht besonders, da erstaunliche Ähnlichkeiten zu den Gedanken in Bonn bestehen.

    Tolle Radparkhäuser in Maastricht

    Tritt man in Maastricht aus dem Bahnhofsgebäude, so steht man direkt vor dem Eingang zur größten Rad-Tiefgarage der Stadt. 3.000 Räder können hier unter dem Bahnhofsvorplatz abgestellt werden. Die Garage ist bewacht und verfügt über eine Werkstatt, in der man sein Rad warten und reparieren lassen kann. Die ersten 24 Stunden parkt man – wie in allen Maastrichter Rad-Garagen – kostenlos. Dadurch soll anscheinend die Anreise mit dem Fahrrad gefördert werden. 

    Einfahrt der Rad-Garage am Maastrichter Bahnhof mit 3.000 Stellplätzen

    In der Maastrichter Innenstadt gibt es noch zwei weitere bewachte Rad-Garagen – eine am Maasufer (375 Stellplätze) und eine direkt am Marktplatz (300 Stellplätze). Beide sind ebenfalls bewacht und mit einer Werkstatt ausgestattet. Am Marktplatz liegt die Garage nicht unterirdisch, sondern in einem Innenhof. D.h. man schiebt sein Rad einfach durch eine Toreinfahrt in die Garage.

    Einfahrt Rad-Parkhaus an der Maas (Räder werden durch die Rinnen an den Seiten geschoben)

    Alle drei Garagen werden rege genutzt. Ich war wochentags in Maastricht und nachmittags war die Bahnhofsgarage zu zwei Dritteln belegt. Bei beiden anderen Garagen musste ich jeweils etwas warten, um ein Foto machen zu können, da immer wieder Menschen Fahrräder hinein- und hinausschoben. Es ist in Maastricht offensichtlich üblich, den Weg in die Innenstadt zu radeln, da die Menschen wissen, dass sie ihr Rad sicher abstellen können und es nicht gestohlen wird.

    Einfahrt Rad-Parkhaus am Markt mit 300 Stellplätzen

    Zusätzlich zu diesen drei bewachten Radgaragen existiert noch eine unbewachte am anderen Ende der Innenstadt am Vrijthof. Hier wurde ein Teil der Auto-Tiefgarage zu einer Rad-Tiefgarage mit 300 Stellplätzen umgebaut. Für diese Rad-Garage existiert eine eigene, vom Autoverkehr getrennte Rampe, über die Fahrräder geschoben werden können.

    Auf dem folgenden Foto sieht man einen der zwei Gänge der Rad-Garage am Vritjhof. Dies vermittelt einen Eindruck, auf wie wenig Platz man Stellplätze für 300 Räder unterbringen kann, insbesondere wenn man – wie in den Niederlanden üblich – Doppelstockparker verwendet. Auf die Fläche eines PKW-Stellplatzes bekommt man gut 10 Fahrräder. Bedenkt man, dass zusätzlich die Gänge zwischen den Stellplätzen schmaler sein können als bei Auto-Garagen, reden wir bei einer Garage für 300 Fahrräder von einem Flächenbedarf einer PKW-Garage mit unter 30 Stellplätzen. Im Gegensatz zu PKW-Garagen sind Rad-Garagen deutlich weniger flächenintensiv. Steht man in der Garage am Vrijthof wird das besonders deutlich: Die durch die Metallgitter sichtbare riesige PKW-Garage bietet mit 447 Autos nur anderthalb mal so viel Fahrzeugen Platz wie die flächenmäßig recht kleine Rad-Garage.

    Am Vrijthof wurde ein Teil der PKW-Garage umgewandelt in eine Rad-Garage mit 300 Stellplätzen mit separater Einfahrt

    Maastricht bietet Parkinfrastruktur für alle Verkehrsarten

    Neben Garagen für Räder existieren in Maastricht natürlich auch welche für Autos. Insgesamt stehen innenstadtnah ca. 5.000 PKW-Stellplätze in Garagen oder auf bewirtschafteten Parkplätzen bereit. Im Gegensatz zu Bonn muss man allerdings je nach Parkhaus oder -platz noch ca. 10 min zu Fuß in die Innenstadt gehen. Zum Vergleich: Bonn hat in direkter Innenstadtlage Parkhäuser für ca. 4.500 PKWs, also vergleichbar viele.

    Interessant wird es, wenn man sich nun die Anzahl der Radstellplätze dazu ansieht. In Maastricht sind es in der Innenstadt ebenfalls etwa 5.000, davon gut 3.600 in den drei bereits erwähnten bewachten Garagen. Der Rest verteilt sich auf unbewachte Garagen sowie größere Parkplätze für Fahrräder mit Radbügeln zum Anschließen, z.B. direkt hinter dem Bahnhof. Es existieren in den Parkhäusern der Maastrichter Innenstadt also genauso viele Parkplätze für Radfahrende wie für Autofahrende. Das ist aus Sicht einer deutschen Stadt – auch Bonn – unfassbar.

    In Bonn existieren aktuell 180 schwer erreichbare Rad-Stellplätze im Parkhaus Rabinstraße und 21 Stellplätze an den neuen Mobilstationen. Angekündigt sind 70 Stellplätze in der Stadthausgarage sowie 280 Stellplätze in den neuen Rad-Parkhäusern, die bis Ende 2023 errichtet werden sollen. Davon entstehen allerdings nur 112 Stellplätze in oder an der Innenstadt (Stiftsplatz, Frankenbad). Die restlichen Stellplätze entstehen am Bahnhof Beuel und am Konrad-Adenauer-Platz. Die Stellplätze in der Radstation am Hbf zähle ich nicht mit, da diese weitestgehend an Dauermieter vergeben sind und die Station in den Abendstunden für Tagesparkende bereits um 22 Uhr schließt.

    In Bonn ergibt sich also ein Verhältnis von ca. 4.500 PKW-Stellplätzen zu großzügig gerundet ca. 400 Rad-Stellplätzen in den öffentlichen Garagen der Innenstadt. Für Autofahrende werden in der Bonner Innenstadt zehn mal so viele Stellplätze vorgehalten wie für Radfahrende.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die oben erwähnte Ankündigung der Stadt zum Bau der neuen Radparkhäuser zwar natürlich grundsätzlich gut, aber doch deutlich unterdimensioniert. Mehr als ein erster kleiner Schritt kann das nicht sein.

    Belebte Innenstadt trotz teurem PKW-Parken

    In den Maastrichter PKW-Parkhäusern zahlt man 3 € bis 4,50 € je Stunde, maximal aber 16 – 35 € (je nach Lage des Parkhauses). In den Rad-Garagen parkt man – wie bereits erwähnt – für die ersten 24 Stunden kostenlos. Es besteht also ein großer Anreiz, mit dem Rad statt mit dem Auto in die Innenstadt zu kommen. Trotz der im Vergleich zu Bonn hohen Parkgebühren für PKW (Bonn: 2 – 2,5 € je Stunde, abends deutlich weniger) ist die Maastrichter Innenstadt übrigens sogar wochentags voll. Allerdings merkt man deutlich, dass um die Innenstadt herum viel weniger Autoverkehr herrscht. In Maastricht gibt es wahrnehmbar weniger Verkehrslärm als in Bonn.

    Maastricht bietet allen Verkehrsteilnehmern eine gut erreichbare Innenstadt: Autofahrenden und Radfahrenden durch gute Straßen bzw. Radwege und ausreichend Parkmöglichkeiten, Zufussgehenden durch breite, nicht zugeparkte Gehwege in der Stadt. Das scheint sich auszuzahlen.

    Weitere Beobachtungen zum Thema Parken

    Neben den Garagen lässt sich in Maastricht noch mehr zum Thema Parken beobachten. Auffällig ist z.B. wie wenige Falschparkende man in der Innenstadt und den umliegenden Straßen sieht. Grund dafür ist eine konsequente Einfahrtssperre in den Innenstadtbereich durch versenkbare Poller, die – neben Radfahrenden und Zufussgehenden – nur von Bussen des ÖPNV, von Taxen, Anwohnern und dem Lieferverkehr durchfahren werden kann.

    Verkehrsberuhigte Innenstadt: Hier dürfen neben Radfahrenden und Zufussgehenden nur Busse, Anwohner-PKW und Lieferverkehr durch

    Die Straßen um das Maastrichter Zentrum herum sehen deutlich einladender aus als in Bonn. Selbst Geschäftsstraßen, die mit dem Auto erreichbar sind, haben oft nur wenige bis keine PKW-Stellplätze am Straßenrand. Dadurch wird das Straßenbild enorm aufgewertet und die Gehwege können ausreichend breit sein. Man geht gerne dort an den Schaufenstern entlang. Es ist mir nach wie vor unerklärlich, wieso so etwas für den immer sehr autozentriert argumentierenden Bonner Einzelhandelsverband als undenkbar gilt.

    Vergleichen Sie das folgende Foto gedanklich mal mit der Friedrich-Breuer-Straße in Beuel oder mit der Endenicher Straße im Endenicher Ortskern. Achten Sie insbesondere auf die Breite der Gehwege und auf die Möglichkeiten, die Straßenseite zu wechseln. Es ist kein Wunder, dass in den Bonner Straßen nicht so viele Passanten unterwegs sind, so wie die Straßen zugeparkt sind. Im Endenicher Ortskern bin ich aufgrund meiner Wohnlage zwar oft, aber eher ungern unterwegs. Es ist einfach nicht einladend, die Endenicher Einkaufsstraße zu Fuß entlang zu gehen. In Beuel ist es nicht anders.

    So einladend können für den Autoverkehr freigegebene Geschäftsstraßen etwas abseits des Zentrums aussehen, wenn nicht überall Autos parken.

    Eine weitere Beobachtung ist die Existenz von Radstellplätzen in Straßen mit PKW-Parkmöglichkeiten am Straßenrand -zumindest in zentrumsnahen Maastrichter Straßen. In Maastricht wechseln sich PKW- und Rad-Stellplätze regelmäßig ab. An mehreren Stellen der Stadt findet man auch explizit für Motorroller vorgesehene Stellflächen. Maastricht bietet in den Straßen für alle Verkehrsarten Parkplätze an. Das klingt banal, ist in deutschen Städten aber bisher völlig anders.

    In Bonn hat zwar das Angebot an Fahrradbügeln in der Innenstadt zugenommen und bei komplett neu gemachten Straßen wie der Endenicher Allee hinter der Hosenbrücke entstehen auch wirklich Fahrradbügel. Trotzdem gibt es im weit überwiegenden Teil der Bonner Straßen nach wie vor keinen einzigen Stellplatz für Radfahrende. Man kann sich als Radfahrender in den meisten Bonner Straßen glücklich schätzen, wenn man eine freie Laterne findet.

    Auch hier wäre – wie beim Thema Parkgaragen – eine deutliche Ausweitung der Anstrengungen in Bonn angesagt. Andere deutsche Städte machen es vor und setzen pauschal Programme zum Aufstellen von 5.000 – 10.000 Radbügeln auf. In Bonn muss je nach Stadtbezirk nach wie vor jeder neue Radbügel durch die politischen Gremien genehmigt werden. Das ist sehr zeitaufwändig. Ein Zustand wie in Maastricht mit Abstellmöglichkeiten für Fahrräder in der gesamten Stadt ist so nicht in akzeptabler Zeit erreichbar.

    An vielen Straßen in Maastricht wechseln sich Stellplätze für Autos und für Fahrräder ab.

    Zwei letzte Beobachtungen zum Thema Parken:

    • Fahrräder dürfen maximal zwei Wochen geparkt werden – sowohl in den Garagen als auch auf den Straßen. Darauf wird an jeder größeren Rad-Parkanlage mit einem gut sichtbaren Schild hingewiesen. Auch auf den Webseiten der Stadt ist dies deutlich herausgestellt. Das gefällt mir sehr gut. Es sind klar kommunizierte Regeln und es gibt der Stadt Handlungsmöglichkeiten, Fahrradleichen schnell zu entfernen, um den Parkraum nutzbar zu halten.
    • Wie auch in Utrecht gibt es in Maastricht zahlreiche Wegweiser, die den Weg zu den naheliegenden Fahrrad-Parkhäusern und -Parkplätzen anzeigen. Die Wegweiser zu den Rad-Parkhäusern zeigen dabei auch die Anzahl der aktuell freien Plätze an. In Bonn habe ich bisher leider keinen Wegweiser zum Rad-Parkhaus Rabinstraße gefunden.

    Ausschilderung der Rad-Parkhäuser und -Parkplätze in Maastricht

    Maas-Brücken als Vorbild für Bonn

    Zweites Thema dieses Beitrags sollen Brücken für Radfahrende und Zufussgehende sein. In Bonn ist das seit einigen Jahren immer wieder Thema. Die Stadt hat sich gegenüber der Autobahn GmbH positioniert und möchte einen Radweg entlang des neu zu bauenden Tausendfüßlers. Auch eine zusätzliche Rheinquerung für Radfahrende und Zufussgehende zwischen Zweiter Fährgasse und Ringstraße taucht immer mal wieder als Idee auf. Für beide Ideen gibt es in Maastricht erstaunlich gut passendes Anschauungsmaterial!

    In Maastricht gibt es fünf Brücken über die Maas (plus eine reine Eisenbahnbrücke, die für diese Betrachtung hier aber nicht relevant ist). Die südliche und die nördliche Brücke sind Schnellstraßen, vergleichbar mit der Nord- und der Südbrücke in Bonn. Am Nordende der Innenstadt gibt es eine mit der Bonner Kennedybrücke vergleichbare Brücke (Wilhelminabrug), über die Autofahrende, Radfahrende und Zufussgehende die Maas queren können. Zusätzlich existieren in der Innenstadt zwei dem Rad- und Fußverkehr vorbehaltene Brücken. Die eine davon ist die historische Sint Servaasbrug. Interessanter finde ich die zweite, etwas südlich davon liegende Hoge Brug.

    Hoge Brug als Vorbild für neue Rheinquerung in Bonn

    Die Hoge Brug ist erst 20 Jahre alt und damit ein recht gutes Beispiel, wie eine neue Rheinquerung nur für den Fuß- und Radverkehr in Bonn aussehen könnte.

    Die Hoge Brug in Maastricht

    Die Brücke ist trotz Zweirichtungsradweg und parallel verlaufendem breitem Gehweg lediglich 7,20m breit. Zum Vergleich: Die Bonner Kennedybrücke ist mit 26,80m knapp viermal so breit. Auch hat die Hoge Brug – im Gegensatz zu allen anderen Maastrichter Brücken – keinen Pfeiler in der Maas, sondern überspannt den Fluss vollständig. Anscheinend ist durch die schmalere und leichtere Konstruktion, die deutlich weniger Belastung aushalten muss als eine Brücke für den Autoverkehr, kein Pfeiler im Fluss notwendig.

    Das lässt sich natürlich nicht 1 zu 1 auf Bonn übertragen, da die Maas nicht ganz so breit ist wie der Rhein. Aber es verdeutlicht eine viel zu wenig beachtete Tatsache: Infrastruktur für Zufussgehende und Radfahrende ist deutlich günstiger zu bauen als Auto-Infrastruktur. Außerdem sieht man schön, wie schmal eine neue Rheinquerung in Bonn werden könnte – trotz großzügigem Platzangebot für Radfahrende und Zufussgehende.

    Links der Zweirichtungsradweg, rechts der Gehweg auf der Hoge Brug

    Noorderbrug als Vorbild für Radweg am Tausendfüßler

    Vergleichbar mit der Bonner Nordbrücke und dem Tausendfüßler ist in Maastricht die Noorderbrug – praktisch, dass sie den gleichen Namen trägt wie in Bonn. Über die Brücke führt eine autobahnartig ausgebaute Schnellstraße, die durchaus mit der A565 vergleichbar ist. Die Schnellstraße schließt am Ostufer nach wenigen hundert Metern an die niederländische A2 an und verbindet diese mit Maastrichts Westen und Belgien.

    Neben den Autospuren verläuft sowohl auf der Noorderbrug selbst als auch im weiteren Verlauf auf einer Seite ein breiter Zweirichtungsradweg – genauso, wie die Stadt Bonn ihn für den Neubau des Tausendfüßlers fordert. Der Weg ist grundsätzlich ähnlich dem Radweg auf der Bonner Südbrücke aber deutlich breiter.

    Breiter Zweirichtungsradweg an der Schnellstraße über die Noorderbrug in Maastricht

    Der Radweg bietet eine schnelle, direkte und kreuzungsfreie Radverbindung vom Maastrichter Osten in den Westen und ins Zentrum. Schneller kommt man anders mit dem Fahrrad nicht durch die Stadt. Direkte, kreuzungsfreie Wege sparen halt wirklich einiges an Zeit. Es ist seltsam, dass wir solche Wege in Deutschland nur Autofahrenden zugestehen wollen. Die Verbindung in Maastricht ist Teil des Radschnellwegs Sittard – Maastricht und wurde erst vor ca. 5 Jahren gebaut.

    In Bonn würden durch einen vergleichbaren Radweg an der A565 sowohl die östlichen Bonner Stadtteile als auch Sankt Augustin und Niederkassel besser an den Bonner Westen und das Zentrum angebunden. Eine vergleichbare Radwegqualität und vor allem Geschwindigkeit wird mit einer Führung durch die Straßen der Innenstadt aufgrund ständiger Richtungswechsel und Kreuzungen nicht zu erreichen sein.

    In Maastricht kann man auch gut sehen, wie die Ingenieure das Thema Autobahnabfahrten gelöst haben. Diese müssen ja irgendwie den Radweg kreuzen. Die Abfahrt sinkt auf einer Rampe neben dem Radweg ab, bevor sie dann unter ihm hindurchgeführt wird. So ist auch mit Radweg eine kreuzungsfreie Autobahnabfahrt möglich. Genauso könnte man es auch am Tausendfüßler realisieren. Ein wirklich schön erlebbares Anschauungsbeispiel für die Forderung der Stadt Bonn.

    Ganz links die Autospuren, dann die Autobahnabfahrt, die abtaucht und im weiteren Verlauf unter dem Radweg entlang führt.

    Letzte Beobachtungen in Maastricht

    Ein Thema, das ich – wie auch bereits in meinem Bericht aus Utrecht – ansprechen muss, sind niveaugleiche Einmündungen. Hinter diesem seltsam klingenden Begriff verbirgt sich die Idee, bei Seitenstraßen, die ein eine Hauptstraße münden, den Gehweg der Hauptstraße einfach durchzuziehen, so dass Fußgänger nicht den Bordstein hinab und wieder hinauf gehen müssen. Dies ist nicht nur für mobilitätseingeschränkte Menschen ein deutlicher Gewinn, sondern macht die Fortbewehung Fuß in einer Stadt unfassbar viel angenehmer.

    Durch den aus Sicht des Autofahrenden vorhandenen Buckel und die deutlich kleineren Kurvenradien sinkt die Abbiegegeschwindigkeit von Autos, was Unfälle deutlich unwahrscheinlicher macht. Außerdem wird durch die Gestaltung der Straße allen Beteiligten direkt klar, dass Zufussgehende an der Hauptstraße Vorrang vor abbiegenden Autos haben. Die gebaute Infrastruktur verdeutlicht hier die Verkehrsregeln perfekt.

    Niveaugleiche Einmündung einer Seitenstraße von der Hauptstraße aus gesehen.

    Die gleiche Einmündung von der Seitenstraße aus gesehen.

    Auch andere aus Utrecht bereits bekannte Punkte wie breite, baulich getrennte Radwege und gut angelegte, für Radfahrende ruckelfreie Kreuzungen finden sich in Maastricht wieder. Dabei findet sich solche Infrastruktur in Maastricht eher am Stadtrand. Das Zentrum kommt in weiten Teilen ohne separate Radwege aus, da es sowieso fast vollständig verkehrsberuhigt ist, dort also sehr wenige Autos fahren.

    Eine ernsthaft für Radverkehr geplante Kreuzung am Stadtrand ohne ruckelige Kanten auf dem Radweg.

    Radunterführung unter einer Schnellstraße am Stadtrand

    So einfach kann eine sichere bauliche Trennung zwischen Autospur und Radweg sein.

    Fazit

    Maastricht ist für Bonn in Sachen Radverkehr aus meiner Sicht ein gutes Vorbild. Es ist nicht die Über-Fahrradstadt wie Utrecht, deren hervorragende Infrastruktur fast unerreichbar scheint. In Maastricht kann man sehen, wie man durch wenige konsequent umgesetzte Maßnahmen wie Verkehrsberuhigung im Zentrum, Schaffung von ausreichend Parkraum für Radfahrende und entsprechende Ausschilderung das Fahrrad zu einer ernsthaften Alternative für viele Menschen machen kann.

    Außerdem ist Maastricht aufgrund seiner sehr hohen Ähnlichkeit zu Bonn (Fluss, Verlauf der Hauptverkehrsstraßen um das Zentrum) ein gutes Beispiel, um sich real anzusehen, wie einiges in Bonn in zehn Jahren aussehen könnte. Dafür kann man auch mal die nur gut 120 km fahren. Als Inhaber eines Deutschlandtickets kommt man sogar für knapp 7€ hin. Und wenn man dann schon mal da ist, kann man direkt eine leckere Portion holländische Fritten essen!

    geschrieben von Martin P.

  • Einbahnstraße bauen wie in San Sebastian

    Einbahnstraße bauen wie in San Sebastian

    San Sebastian (oder Donostia, wie es auf baskisch heißt) hat gut 185.000 Einwohner. Es ist damit zwar kleiner als Bonn, hat aber aufgrund seiner geringeren Fläche eine etwas höhere Bevölkerungsdichte (3.000 zu 2.300 Einwohner/km²). Obwohl die Stadt am Meer liegt ist die Landschaft nicht flach. Die einzelnen Stadtteile sind durch Hügel voneinander getrennt.

    Sichere Zweirichtungsradwege

    Was bei einem Spaziergang durch die Stadt direkt auffällt sind die zahlreichen Zweirichtungsradwege, die hier das Mittel der Wahl zu sein scheinen. Ob in der Innenstadt, am Stadtrand in Wohn- und Gewerbegebieten oder an der Promenade – der Zweirichtungsradweg ist überall.

    Viele dieser Radwege sind durch bauliche Trennung vom Autoverkehr getrennt und bieten Radfahrenden dadurch eine sichere Infrastruktur. Besonders beeindruckt hat mich die bauliche Trennung an der Strandpromenade. Dort wurde auf sehr wenig Platz durch ein Metallgeländer eine bauliche Trennung realisiert, die Radfahrende schützt und Autofahrende am Parken auf dem Radweg hindert.

    An der Promenade wurde anscheinend der Straßenraum von ehemals vier Autospuren neu aufgeteilt. Das ist durchaus bemerkenswert, da diese Straße die Hauptverbindung zwischen zwei Stadtteilen darstellt. Eine Spur wurde zum Zweirichtungsradweg, eine weitere wurde zur Verbreiterung des Gehweges verwendet.

    Die gleiche bauliche Trennung durch platzsparende Metallgeländer findet sich auch anderswo in der Stadt, hier z.B. auf einer Brücke über Fluss und Bahngleise.

    In der Innenstadt bieten sich solche Geländer aufgrund von Einfahrten und dem Bedürfnis von Zuflussgehenden, die Straße zu überqueren, eher nicht an. Dort fahren Autos auch mit geringeren Geschwindigkeiten, so dass weniger massive bauliche Trennungen ausreichen sollten. Auch dies geht sehr platzsparend.

    Bei dieser Trennung hatte ich zuerst Bedenken, dass Autofahrernde einfach drüberfahren und auf dem Radweg parken würden. Gesehen habe ich das in meinen vier Tagen in der Stadt allerdings nicht. Ob das eventuell an hohen Strafen oder zahlreichen Kontrollen liegt kann ich nicht sagen.

    Als weitere Alternative der baulichen Trennung finden sich Poller, wie im folgenden Bild zu sehen. Bemerkenswert: Die Poller stehen direkt am Rand der Autospur. Das ist meines Wissens in Deutschland aufgrund der autozentrierten Rechtslage z.Zt. gar nicht möglich, wäre aber wünschenswert, da dadurch gute Radwege auch bei engen Platzverhältnissen möglich werden.

    Auf diesem Foto ist auch schön zu sehen, wie der Radweg an der Ampel in einer Kurve über die Autospuren geführt wird – und nicht in einem 90-Grad-Winkel.

    Auffallend an den Radwegen in San Sebastian ist, dass sie wirklich ein Netz bilden. Alle Ziele in der Stadt sind erreichbar. Wie ernst die Stadt das Thema Radverkehr nimmt, merkt man auch daran, dass vor ein paar Jahren ein alter Bahntunnel zum Radtunnel umgebaut wurde.

    Ausreichend Fahrrad-Parkplätze

    Gute Radwege alleine machen allerdings noch keine gute Radinfrastruktur. Es braucht auch Abstellmöglichkeiten. Und die gibt es in San Sebastian reichlich. Auf dem folgenden Foto sieht man Fahrradbügel vorne links, in der Mitte und hinten rechts. Ähnlich wie auf diesem Bild sieht es in der ganzen Stadt aus. Der nächste Fahrradbügel ist nie weit.

    Zum Einsatz kommen hier oft Metallbügel in Vierergruppen, die einfach auf das Pflaster oder den Asphalt aufmontiert werden. Das geht wahrscheinlich schnell und unkompliziert. 

    Gerade im Bereich Fahrradparken hat sich in Bonn bisher zu wenig getan. Die Fahrradbügel in San Sebastian zeigen, mit welch einfachen Mitteln hier große Effekte erzielt werden können. Einfach in jeder Bonner Straße solch ein Vierergestell im Boden zu befestigen würde bereits vieles verändern – gibt es in den meisten Bonner Straßen doch bisher überhaupt keine Parkmöglichkeiten für Radfahrende.

    Auch in Bezug auf sichere Abstellmöglichkeiten wurde ich in San Sebastian fündig:

    kleines Fahrradparkhaus San Sebastian

    Dieses Fahrradparkhaus steht am Rande des Zentrums auf ehemaligen Reisebusparkplätzen. Auch hier handelt es sich wieder um eine recht einfache und damit schnell umsetzbare Lösung. Der vorhandene Asphalt reichte als Untergrund offensichtlich aus. Komplexer Hochbau über mehrere Stockwerke wurde vermieden.

    Nicht in San Sebastian aber ebenfalls in Nordspanien – genauer gesagt in Santander – habe ich diese kleinere Variante gesehen:

    Diese Parkhäuser bieten zwar nur ca. zehn Rädern Platz, passen dafür aber auf einen PKW-Stellplatz. Gerade für Anwohnerradparken in Bonner Wohngebieten kann ich mir solche Parkhäuser gut vorstellen. Die bei der Neugestaltung der Endenicher Allee aufgestellten und sofort durch die Anwohner belegten Radbügel zeigen, dass ein Bedarf existiert. Durch solche Radparkhäuser könnte die Stadt den Bonnern sichere Abstellmöglichkeiten bieten.

    Fahrradverleihsystem

    Wie auch Bonn verfügt Santander über ein Fahrradverleihsystem, im Gegensatz zum Bonner Nextbike-System allerdings mit festen Stationen.

    Mietfahrräder San Sebastian

    Was mir hier auffiel: An den Stationen waren immer zumindest einige wenige Räder verfügbar. In Bonn gibt es ja eine Mischung aus Free-Float und Stationen. Zumindest die Stationen in meiner Umgebung sind immer leer. Auch im Free-Float finde ich in Endenich nur selten ein nahes Rad. Vielleicht ist es in Bonn an der Zeit, die Nextbike-Flotte aufzustocken? 

    Straßenübergreifende Verkehrsplanung

    Nun folgt der Punkt, der mich am meisten beeindruckt hat und aus dem sich für mich am meisten für Bonn ableiten lässt: Einbahnstraßen.

    Fast alle Straßen im Zentrum von San Sebastian sind trotz mehrerer Fahrspuren Einbahnstraßen. Oft gibt es eine Spur für Autos, eine für Busse & Taxis sowie einen Zweirichtungsradweg (der so breit ist wie eine Autospur).

    Daran wird deutlich, wie viel Platz da ist, wenn man nicht nur einzelne Straßen betrachtet, sondern ganze Gebiete. In San Sebastian hat man offensichtlich den Autoverkehr in jeweils eine Richtung herausgenommen und in benachbarte Straßen mit gegenläufigen Einbahnstraßen verlagert. Dadurch entstand Platz. Dies gelingt aber nur, wenn man nicht nur solitär eine einzelne Straße betrachtet.

    Möglich werden dann sogar Abbiegespuren für den Radverkehr, wie das folgende Bild zeigt:

    Es ist erstaunlich zu sehen, wie viel Platz auf einer normal breiten Straße verteilt werden kann, wenn der Autoverkehr nur in eine Richtung fährt. Zusätzlich sei gesagt: In den Straßen des Zentrums von San Sebastian finden sich in nur wenigen Straßen Autoparkstreifen am Straßenrand. Es existieren Tiefgaragen (wie auch in Bonn). Auch dies schafft Platz.

    Im Bonner Zentrum ist der Einbahnstraßen-Ansatz eher schwierig, da durch die Fußgängerzone nur wenige parallele Straßen um das Zentrum herum verlaufen. In den zentrumsnahen Stadtteilen finden sich aber schnell Bereiche, die von einem solchen Ansatz profitieren könnten:

    • In Castell verlaufen die Kölnstraße und die Römerstraße parallel und werden durch mehrere für den Autoverkehr eher untergeordnete Straßen verbunden. Wandelt man diese Verbindungsstraßen in Einbahnstraßen für den Autoverkehr um, so ergibt sich Platz für einen Lückenschluss im Fahrradnetz zwischen Altstadt und Rhein, z.B. im Rosental.
    • In Endenich verlaufen die Alfred-Bucherer-Straße und die Sebastianstraße/Magdalenenstraße über mehrere hundert Meter parallel. Wandelt man diese in gegenläufige Einbahnstraßen für den Autoverkehr um, so kann z.B. auf der vom Radverkehr viel befahrenen Sebastianstraße Platz für einen sicheren Radweg entstehen. (Für den Busverkehr müsste wohl ein Teil der Alfred-Bucherer-Straße in beide Richtungen offen bleiben.) 

    Diese zwei Beispiele fallen mir ein, da ich die genannten Gebiete gut kenne. Sicherlich gibt es noch viele andere Bereiche, in denen eine Betrachtung ganzer Gebiete zu besseren Lösungen für den Radverkehr führen kann als eine solitäre Betrachtung einer einzelnen Straße. Gerade in Anbetracht des in Bonn immer wieder aufkommenden Platz-Argumentes – man erinnere sich an den kürzlich beschlossen Umbau der Kölnstraße mit schlechter Radinfrastruktur – kann eine Loslösung von der Betrachtung nur einzelner Straßen eventuell ein guter Ansatz sein.

    Fazit

    Nach vier Tagen in San Sebastian muss ich sagen: Ich bin beeindruckt! Ein gutes Radwegenetz, gute Parkmöglichkeiten und eine konsequente Neuaufteilung des öffentlichen Raumes haben eine fahrradfreundliche Stadt entstehen lassen. Die Stadt ist ein gutes Beispiel dafür, dass es mehr positive Ausnahmen gibt als die paar großen Leuchtturm-Städte des Radverkehrs wie Amsterdam und Kopenhagen. Und Bonn kann von San Sebastian lernen, z.B. wie man auf beengten Platzverhältnissen gute Radinfrastruktur schafft.

    geschrieben von Martin P.

  • Warum Bonn bessere Fahrradstraßen braucht

    Warum Bonn bessere Fahrradstraßen braucht

    zur Beschlussvorlage der Stadt Bonn

    Einordnung des Parkplatzwegefalls

    Zu Beginn möchte ich mich der Diskussion um den Entfall von Auto-Parkplätzen widmen. Diese Diskussion hängt sich sehr an der Zahl 700 auf. Knapp 700 Auto-Parkplätze sollen für die Einrichtung der Fahrradstraßen entfallen. Das klingt viel, Bedarf aber einer Einordnung: Auf den 44 in Frage stehenden Straßen existieren z.Zt. 2.033 Auto-Parkplätze. Davon sollen 1.418 – also etwa 70% – erhalten bleiben. Das Vorhaben berücksichtigt also sehr wohl die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer – auch von Autofahrenden. Neu ist lediglich, dass neben dem Autoverkehr auch andere Verkehrsformen (zu Fuß und per Rad) Beachtung finden.

    Alternativen nur durch Neuaufteilung der Fläche möglich 

    Immer wieder taucht in der Diskussion die Forderung auf, es müssten erst Alternativen für die Menschen geschaffen werden, bevor man irgendetwas an der vorhandenen Auto-Infrastruktur verändert. Es ist aber nun mal so, dass die zur Verfügung stehende Fläche begrenzt ist.  In einer dicht bebauten Stadt kann Platz nicht einfach neu geschaffen werden, sondern kann nur durch Neuverteilung der vorhandenen Flächen entstehen.

    Der Wegfall der Parkplätze ist keine alleinstehende Maßnahme, sondern geschieht im Rahmen des Ausbaus genau der geforderten Alternativen. Wie – und vor allen Dingen wo – sollen diese Alternativen entstehen, wenn nicht auf dem vorhandenen Raum, der z.Zt. weitgehend von Autos beansprucht wird?

    Es ist ein alter Hut in der Verkehrsforschung, dass eine Verkehrswende nur durch eine Kombination von Pull- und Push-Maßnahmen zu erreichen ist. Genau das möchte die Stadt gerade tun: Die Einrichtung attraktiver Fahrradstraßen und das Freiräumen der Gehwege sind Pull-Maßnahmen hin zum Umweltverbund. Der dafür notwendige Entfall eines Teils der Auto-Parkplätze dient als Push-Maßnahme. Noch mehr nach Lehrbuch geht ja fast nicht mehr.

    Zur Erinnerung: Die Stadt möchte den Anteil des Umweltverbunds (zu Fuß, Rad, ÖPNV) am Modal Split in Bonn auf 75% erhöhen – nicht nur, um zum Klimaschutz beizutragen, sondern auch, um die vorhandenen Verkehrsprobleme in der Stadt durch Verlagerung auf effizientere Verkehrsmittel zu lösen. Dies wird nicht alleine durch Anreize zu erreichen sein. Es braucht eine Kombination von Pull- und Push-Maßnahmen.

    Weitere Maßnahmen für Alternativen laufen bereits 

    Natürlich können nicht alle Menschen auf ihr Auto verzichten. Aber es möchte ja auch niemand alle Parkplätze streichen. Wie oben bereits erwähnt, bleiben 70% der aktuell existierenden Parkplätze erhalten. Außerdem baut die Stadt gerade das Carsharing in Bonn massiv aus. Es entstehen z.Zt. Stellplätze für 155 neue zusätzliche Carsharing-Autos im gesamten Stadtgebiet. Die Möglichkeiten, ein Auto nutzen zu können, ohne ein eigenes zu besitzen, nehmen also zu. Diesen Faktor sollte man nicht unterschätzen. Zumindest in meiner Wohngegend (Endenich) stehen Autos teils tagelang auf dem gleichen Parkplatz ohne bewegt zu werden.

    Auch Maßnahmen zur Beschleunigung des ÖPNV werden in Bonn z.Zt. Buslinie für Buslinie umgesetzt. Dies soll für kürzere Fahrzeiten sorgen und den ÖPNV so attraktiver machen. Neue Straßen- und Stadtbahnen mit besserer Ausstattung (z.B. Klimaanlagen) sind bestellt und werden teils bereits ausgeliefert. Die Planungen für neue Stadtbahnlinien laufen in meiner Wahrnehmung wieder verstärkt. 

    Alternativen entstehen aktuell vielfältig. Was muss noch alles passieren, damit ein Teil der Parkplätze für den weiteren Ausbau der Alternativen entfallen kann?

    Verlagerung von Autos auf privaten Grund

    Auch der Aspekt des bisher sehr günstigen Anwohnerparkens im öffentlichen Raum muss in der Diskussion betrachtet werden. Nicht jeder hat einen privaten Stellplatz für sein Auto. Aber wie viele private Stellplätze (Garagen, Einfahrten, TG-Stellplätze) stehen leer, weil es z.Zt. bequemer ist, einfach auf der Straße zu parken. Sinkt das Parkplatzangebot, ist durchaus damit zu rechnen, dass private Stellplätze wieder vermehrt genutzt werden. Dadurch wiederum entsteht im öffentlichen Raum Platz für die Autos der Menschen, die keinen eigenen Stellplatz haben.

    Letzten Endes muss aber auch gesagt werden: Es gibt keinen Anspruch auf einen Parkplatz vor der Haustür im öffentlichen Raum. Ist uns der Parkraum für wenige wirklich wichtiger als gute Verkehrsinfrastruktur für alle?

    Nun aber genug zum Thema Parkplätze. Kommen wir zu den Argumenten, die klar für die Einrichtung neuer Fahrradstraßen sprechen.

    Infrastruktur für Menschen ohne Auto

    Die aktuelle Parkplatz-Diskussion vernachlässigt einen Aspekt besonders: Viele Menschen haben gar kein Auto. Den Ergebnissen der Studie „Mobilität in Deutschland 2017“ (das ist die Aktuellste) zu Folge besitzen in Bonn ein Drittel aller Haushalte kein Auto, im Stadtbezirk Bonn sind es gar 46%. Gerade Menschen mit geringerem Einkommen besitzen deutlich seltener ein Auto als vermögende Menschen. Die Verkehrswende ist also durchaus auch eine Maßnahme zur Steigerung der sozialen Gerechtigkeit. Es ist wichtig, bei der Verkehrsplanung auch die Bedürfnisse der Menschen mit in den Blick zu nehmen, die bisher weitgehend übergangen wurden.

    Zwei Fliegen mit einer Klappe

    Vor diesem Hintergrund möchte ich auch besonders hervorheben, dass die von der Stadt vorgeschlagene Einrichtung weiterer Fahrradstraßen nicht nur Radfahrenden zu Gute kommt. Umgesetzt werden soll auch eine Mindestgehwegbreite von 1,50 m. Dadurch werden Gehwege besonders für Menschen mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl wieder nutzbar. Das ist ein wichtiger Aspekt sozialer Teilhabe. Es wird Menschen ermöglicht, sich wieder freier durch die Stadt zu bewegen.

    Auch eine Benutzung der Gehwege durch zwei nebeneinander gehende Menschen, die sich unterhalten, wird wieder möglich. Wie oft sehe ich in Bonn Zufussgehende auf der Auto-Fahrbahn gehen, weil die Gehwege so zugeparkt sind, dass ein Nebeneinandergehen unmöglich ist. 

    Dabei sind die nun geplanten 1,5 m Gehwebreite bereits ein Kompromiss. Der von der Politik angenommene Radentscheid sah 1,5 m als absolute Mindestbreite und eine Regelbreite für Gehwege von 2,5 m vor. Damit forderte der Radentscheid nichts Ungewöhnliches. Die in NRW geltenden rechtlichen Regelwerke für die Planung von Straßen fordern mittlerweile ebenfalls eine Regelbreite von 2,5 m für Gehwege. 

    Mit der nun von der Stadt für die Fahrradstraßen vorgeschlagenen Beschränkung auf eine Regelgehwegbreite von 1,5 m ist also bereits ein Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Verkehrsarten eingegangen worden – auch zu Gunsten von Auto-Parkplätzen.

    Kurfürstenstrasse dicht beparkt
    Kurfürstenstraße

    Sicherheit durch aktuelle Standards

    In Bezug auf den Radverkehr wird teilweiße Unverständnis über die geplante Regelbreite der Fahrradstraßen von 4,5 m geäußert. Hierzu möchte ich besonders den Sicherheitsaspekt als Argument anführen. Eine häufige Unfallursache für Radfahrer sind sogenannte Dooring-Unfälle, bei denen Autofahrer, die gerade eingeparkt haben, ohne auf den Verkehr zu achten, die Fahrertür öffnen. 

    Radfahrende, die zu nah an parkenden Autos fahren – in der sogenannten Dooring-Zone – laufen Gefahr, von Autotüren, die plötzlich geöffnet werden, verletzt zu werden. Es wird daher empfohlen, dass Radfahrende mit mindestens einem Meter Abstand zu parkenden Autos fahren. Dies ist u.a. wichtig, da Radfahrende nach aktueller Rechtsprechung oft eine Mitschuld am Unfall tragen, sollten sie weniger Abstand einhalten.

    Bedenkt man nun noch Begegnungsverkehr, nicht nur zwischen Fahrrädern sondern auch zwischen Rad und Auto, so erscheinen die 4,5 m plötzlich gar nicht mehr so übermäßig breit, sondern für eine sichere Radinfrastruktur notwendig. Nicht umsonst forderte der Radentscheid 4,5 m breite Fahrradstraßen. Auch hier fordern die in NRW gültigen rechtlichen Regelwerke zur Anlage von Straßen nichts Anderes (Begegnungsverkehr Rad – Auto mind. 4 m, bei am Rand parkenden Autos mehr). Die Bonner Politik hat mit der Annahme des Radentscheids auch dieser Forderung bereits zugestimmt.

    Bei dieser Breite geht die Stadt mit ihrem aktuellen Vorschlag nun ebenfalls bereits einen Kompromiss ein, indem sie an Engstellen nur eine Fahrbahnbreite von 4 m vorsieht. Auch hier hat also eine Abwägung zwischen den verschiedenen Verkehrsarten bereits stattgefunden.

    Vorhandene Fahrradstraßen zeigen den Bedarf einer Neuregelung 

    Sehr anschaulich wird die Notwendigkeit breiter Fahrradstraßen, wenn man sich einige der bereits vor längerer Zeit in Bonn eingerichteten Fahrradstraßen anschaut. Bisher wurden bei der Einrichtung einer Fahrradstraße in Bonn lediglich Schilder aufgestellt und ein paar Markierungen auf den Boden gemalt. Eine Neuverteilung der Straßenfläche fand bisher nicht statt.

    Radelt man z.B. durch die Georgstraße in der Altstadt, so merkt man schnell, wie schmal eine Straße wird, wenn auf beiden Seiten durchgehend Autos parken. Begegnungsverkehr ohne Dooring-Zone ist hier unmöglich. Dabei ist die Georgstraße ein wichtiger Teil des – noch sehr löchrigen – Radwegenetzes in Bonn. Sie ist eine wichtige Alternative zur gar nicht mit Radinfrastruktur ausgestatteten parallel verlaufenden Kölnstraße.

    Weitere Beispiele sind die Ellerstraße nördlich der Dorotheenstraße oder die Siegfried-Leopold-Straße in Beuel. Am Fritz-Schroeder-Ufer (Ende Rosental) wurde die deutlich zu schmale Fahrradstraße zum Glück mit der kürzlichen Neumarkierung der Fahrradstraße am Rheinufer bereits beseitigt.

    Schaut man sich die Liste der nun geplanten 44 weiteren Fahrradstraßen an, so kann man sich durchaus fragen, wie in der Burbacher Straße in Kessenich, in der Röckumstraße in Endenich oder im Rosental in Castell sichere Fahrrad-Infrastruktur entstehen soll, ohne dass der Straßenraum neu verteilt wird. Auch diese Straßen sind aktuell viel zu schmal für sichere Radinfrastruktur.

    Dass es bei der Einrichtung von Fahrradstraßen nicht damit getan ist, ein Schild aufzustellen (und sonst nichts zu ändern), ist andernorts auch bereits gerichtlich geklärt. Wo Fahrradstraße draufsteht, muss auch Fahrradstraße drin sein.

    Bonn hat bisher kein Radwegenetz

    Bleibt noch die Frage, wozu es überhaupt weitere 44 Fahrradstraßen in Bonn braucht. Hier fällt mir die Antwort ziemlich leicht: Bonn hat aktuell schlicht und ergreifend kein Radwegenetz. Es existieren lediglich einzelne Bruchstücke, die oft genug nicht miteinander verbunden sind. Den Beweis kann man leicht antreten, indem man sich ein Ziel in Bonn aussucht und versucht, dieses über durchgehend gute Radinfrastruktur zu erreichen. In den meisten Fällen ist dies nicht möglich. Irgendein Abschnitt völlig ohne Radinfrastruktur ist fast immer mit drin.

    Gute und sichere Radinfrastruktur erkennt man an der Frage, ob man sein Kind dort alleine radeln lassen würde. Erst wenn Sie diese Frage für alle Ziele in Bonn mit „Ja“ beantworten, können wir von einem durchgehenden Radwegenetz sprechen. Die nun geplanten Fahrradstraßen sind ein Schritt auf dem Weg hin zu einem etwas vollständigeren Radwegenetz.

    Lückenschlüsse durch neue Fahrradstraßen 

    Schaut man sich die vorgelegte Liste an neuen Fahrradstraßen an, so erkennt man schnell einige wichtige Lückenschlüsse:

    • Im Rosental soll eine Fahrradstraße entstehen. Dadurch entsteht eine Verbindung von der Fahrradstraße am Rhein zur Heerstraße, die die zentrale Fahrradstraße in der Altstadt ist.
    • Die Röckumstraße ist die zentrale Radverbindung aus den hinter Endenich liegenden Stadtteilen (Lengsdorf, Ückesdorf, …) in Richtung Innenstadt. 
    • Die Karl-Legien-Straße in Graurheindorf schließt eine Lücke im linksseitigen Rheinradweg.
    • Die Burbacher Straße wird als Fahrradstraße eine wichtige sicherere Alternative zur für Radfahrende gefährlichen Hausdorffstraße werden.

    Die geplanten Fahrradstraßen sind eine wichtige Ausbaustufe des Bonner Radwegenetzes. Nicht überall kann der Radverkehr auf den Hauptstraßen geführt werden, so dass es sinnvolle Alternativen durch vom Autoverkehr weniger befahrene Straßen braucht.

    Dabei sind Fahrradstraßen nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich persönlich hätte lieber komplett vom Autoverkehr getrennte Radwege. Dies würde aber noch mehr Platz erfordern (und dadurch zum Abbau von noch mehr Parkplätzen führen). Außerdem sind die aktuellen bundesweiten rechtlichen Vorgaben für den Radverkehr nicht gerade günstig. In Tempo-30-Zonen beispielsweise darf gar keine separate Radinfrastruktur eingerichtet werden, so dass Fahrradstraßen dort in der aktuellen Rechtslage ein guter Kompromiss sind. 

    Fazit

    Die Situation ist komplexer als „Aber die Parkplätze!“ Eine bessere Fahrrad-Infrastruktur ist eine wichtige Grundlage im Bestreben der Stadt, den Umweltverbund zu stärken. Nur mit einer Verkehrswende werden wir die Stauprobleme unserer Stadt lösen und die Klimaziele erreichen.

    Die vorgelegte Planung für neue Fahrradstraßen stellt dabei einen Kompromiss dar, der bereits die Interessen von Anwohnern, die ihr Auto parken möchten, berücksichtigt.

    Die Planung führt keine neuen Standards ein. Sie ist lediglich eine konsequente Anwendung der geltenden rechtlichen Vorgaben zur Planung von Straßen und der von der Bonner Politik bereits beschlossenen Forderungen des Radentscheids. 

    Wir vom Radentscheid wünschen uns in den Fahrradstraßen noch modale Filter (landläufig Poller genannt), um den Auto-Durchgangs- und -Schleichverkehr aus diesen Straßen herauszunehmen. Dadurch würden die Fahrradstraßen noch sicherer und Bonn käme seinem Ziel einer Verkehrswende noch näher.

    geschrieben von Martin P.

  • Was Bonn von Utrecht lernen kann

    Was Bonn von Utrecht lernen kann

    Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf andere Städte, die schon deutlich weiter sind als Bonn. Ein sehr gut passendes Beispiel ist Utrecht in den Niederlanden. Utrecht ist mit ca. 360.000 Einwohnern auf ca. 100 km² Fläche vergleichbar groß wie Bonn (ca. 330.000 Einwohner auf ca. 140 km²) und erwartet – genau wie Bonn – in den nächsten Jahren ein weiteres Bevölkerungswachstum. Die Stadt verfügt ebenso wie Bonn über einen teilweisen Autobahnring, einen zentral gelegenen Hauptbahnhof sowie im ÖPNV über ein Stadtbahn- und Busnetz.

    Trotz dieser Ähnlichkeit zu Bonn ist in Utrecht etwas anders: Der Modal Split, also der Anteil der unterschiedlichen Verkehrsmittel an den zurückgelegten Wegen, unterscheidet sich deutlich.

    Werden in Bonn 57% aller Wege mit dem Auto zurückgelegt, so sind es in Utrecht nur knapp 37%. Dafür entfallen in Utrecht 60% aller Wege auf den Umweltverbund (ÖPNV, Rad, zu Fuß). In Bonn sind dies nur 43%. Das in Bonn ausgerufene Ziel, den Radanteil am Modal Split auf 25% anheben zu wollen, hat Utrecht längst erreicht. Schaut man nur auf die kürzeren Wege unter 7,5 km, so werden in Utrecht gar 80% mit dem Umweltverbund zurückgelegt (50% Rad, 27% zu Fuß, 4% ÖPNV). [Quelle für Bonn] [Quelle für Utrecht]

    Der Modal Split ist sehr abstrakt. Wie fühlt sich diese andere Verteilung der Verkehrsmittel an? Was unterscheidet die Verkehrsinfrastruktur in Utrecht von unserer in Bonn? Um dies herauszufinden, bin ich nach Utrecht gefahren und habe mich dort mehrere Tage zu Fuß und mit dem Rad durch die Stadt bewegt. In diesem Blog-Post möchte ich die Punkte erläutern, die mich am meisten beeindruckt haben.

    Entspanntes zu Fuß gehen

    Den ersten Tag war ich viel zu Fuß unterwegs, primär im Zentrum und in den umliegenden Stadtteilen. Das Utrechter Zentrum ist weitestgehend verkehrsberuhigt und ist etwa so groß wie die Bonner Innenstadt plus Altstadt. In den umliegenden Stadtvierteln finden sich alle Verkehrsarten.

    Was mir als Fußgänger in Utrecht sehr positiv auffiel, war die Kontinuität, mit der ich mich bewegen konnte. In Bonn ist man es gewohnt, an jeder Einmündung einer Seitenstraße entweder stehenzubleiben oder zumindest zu schauen, ob dort gerade ein Auto fährt, bevor man als Zufussgehender weitergeht. In Utrecht fällt dieses dauernde Kreuzen von Seitenstraßen weg, denn an den meisten Einmündungen von Seitenstraßen sind die Geh- und Radwege durchgezogen, so dass man als Zufussgehender einfach weitergehen kann. Der Autoverkehr aus oder in die Seitenstraße wartet, bis der Rad- und Fußverkehr auf der Vorfahrtsstraße vorbei ist. Die folgenden Bilder zeigen zwei Beispiele dieses Designs und ein Beispiel der typischen Situation in Bonn: 

    Querstraße
    Zufußgehende und Radfahrende auf der Hauptstraße haben erkennbar Vorrang an der Einmündung einer Seitenstraße
    Radweg Utrecht
    Autos aus der Seitenstraße von rechts fahren durch die Anhebung der Fahrbahn langsam auf kreuzende Zufußgehende und Radfahrende zu
    Radwegführung Kreuzung
    Typische Einmündung einer Seitenstraße in Bonn. Das Kreuzungsdesign vermittelt Zufußgehenden und Radfahrenden, anzuhalten und zu warten, bis die Fahrbahn frei ist.

    Es ist wirklich erstaunlich, welch starken Effekt eine solche eigentlich trivial anmutende Veränderung des Kreuzungsdesigns hat. Als Fußgänger bin ich deutlich schneller und komfortabler unterwegs. Lediglich an Hauptverkehrsstraßen muss ich meine Aufmerksamkeit auf den Autoverkehr richten. Meine Sicherheit als Fußgänger wird sichergestellt, indem Autofahrer aufgrund des Hubbels und geringer Kurvenradien abbremsen müssen.

    Auch mobilitätseingeschränkte Personengruppen wie ältere Menschen mit Rollator, Menschen im Rollstuhl oder auch Eltern mit Kinderwagen profitieren von diesem Design, da keine Kanten zu überwinden sind. In Bonn verbleibt selbst bei abgesenkten Bordsteinen an Kreuzungen oft eine Restkante von mehreren Zentimetern, was gerade für die angesprochenen Personengruppen deutlich unkomfortabler ist.

    Unterwegs in Utrecht wird schnell deutlich, dass die Stadt dieses Design anscheinend schon seit Jahrzehnten umsetzt, so dass ich es heute wirklich an allen Seitenstraßen vorfinde.

    Der Radentscheid Bonn hat ein solches Design für Einmündungen von Seitenstraßen in Ziel 4 “niveaugleiche Einmündungen” gefordert. Die Stadt Bonn hat bei der Neugestaltung der Endenicher Allee zwischen Hosenbrücke und Alfred-Bucherer-Straße erste Versuche in diese Richtung unternommen. Dabei ist die Durchgängigkeit der Gehwege aber aufgrund abweichender Pflasterung noch nicht so schön ersichtlich wie in Utrecht. Auch die Kurvenradien für Autos sind in der Endenicher Allee noch deutlich größer. Beim geplanten Umbau der Kölnstraße zwischen Wilhelmsplatz und Bertha-von-Suttner-Platz sollen ebenfalls niveaugleiche Führungen an den Seitenstraßeneinmündungen umgesetzt werden. Hoffen wir, dass sie dann so aussehen wie in Utrecht!

    Sicher Radeln durch baulich getrennte Radwege

    Unterwegs auf dem Fahrrad fallen mir in Utrecht drei Dinge besonders ins Auge. Erstens verfügt die Stadt über ein durchgehendes, weitverzweigtes Netz baulich von der Autofahrbahn abgetrennter Radwege. Es ist in der Regel gefahrlos und entspannt möglich, sein Ziel auf dem Rad zu erreichen – auch für Kinder. Radfahrende teilen so gut wie nie den Platz mit den Autos. Die Radwege sind fast immer durch Bordsteine, Grünstreifen, parkende Autos usw. von der Autofahrbahn abgetrennt. Lediglich in den besonders verkehrsberuhigten Seitenstraßen teilen sich Autos und Räder den Platz, an Hauptstraßen praktisch nie. Das macht Radfahren sicher, entspannt und auch für die Menschen möglich, die sich nicht auf eine mit Autos geteilte Hauptverkehrsstraße trauen.

    Radfahren in Utrecht
    Neuere Radwege verlaufen in Utrecht rechts der parkenden Autos, so dass Radfahrende sicherer unterwegs sind
    Radfahren in Utrecht Radentscheid Bonn
    Anscheinend neu aufgeteilte ehemals vierspurige Straße mit baulich getrenntem Zweirichtungsradweg
    Fahrradspur Utrecht
    Verkehrsberuhigte Seitenstraße in Utrecht, klar erkennbar als Fahrradstraße gestaltet

    Schutzstreifen, wie sie in Bonn noch sehr weit verbreitet sind, findet man in Utrecht zwar auch, aber nur noch an älteren Straßen. Alles, was in den letzten ca. ein, zwei Jahrzehnten entstanden ist, hat baulich getrennte Radwege.

    Der Radentscheid Bonn fordert die bauliche Trennung von Radwegen in seinem Ziel 2. “Radwege sind […] baulich vor Befahren, Halten und Parken durch Kfz geschützt” heißt es dort. In Bonn gibt es solche Radwege bisher leider nur an sehr wenigen Orten. Die kurze Protected Bike Lane an der Welschnonnenstraße ist ein Beispiel. Auch der Radweg entlang der Godesberger Straße zwischen Friesdorf und Bad Godesberg ist so gestaltet. Meist wird in Bonn der Radverkehr aber nach wie vor ohne Abtrennung auf der Autofahrbahn geführt – nur durch einen Strich weißer Farbe abgetrennt. Für Radfahrende bedeutet dies mehr Stress und weniger Komfort. Bei der anstehenden Neugestaltung der Kölnstraße soll dies leider wieder so umgesetzt werden. Das zeigt, dass wir in Bonn noch in den Anfängen der Verkehrswende stecken.

    Komfortabel Radeln durch fehlende Kanten

    Der zweite Punkt, der mir beim Radeln durch Utrecht auffällt, ist das Fehlen jeglicher Kanten. An sämtlichen Kreuzungen werden Radwege entweder bis auf das Niveau der Fahrbahn abgesenkt oder sind neben der baulichen Abtrennung zur Fahrbahn sowieso bereits auf gleicher Höhe wie die Autofahrbahn geführt. Das wirkt wiederum trivial, hat aber einen großen Effekt: Es ruckelt beim Radeln nicht. Der Komfortgewinn ist enorm! Ich gleite als Radfahrer über die Radwege und fühle mich mit meinem Verkehrsmittel in der Stadt willkommen.

    2-Richtungs-Radweg Utrecht
    Durchgehender ruckelfreier Radweg an einer Kreuzung
    Überquerung Radweg
    Auch bei bereits älteren Kreuzungen gibt es keine Kanten an den Radwegen

    In Bonn werden zwar Radwege an Kreuzungen bereits seit Jahren abgesenkt, allerdings nie bis auf das Niveau der Fahrbahn. Eine Kante von mehreren Zentimetern wird in Bonn immer verbaut. Auch wenn die Kante in Bonn nicht sehr hoch ist, ist der Fahrkomfort in Utrecht doch ein ganz anderer. Ich bekomme beim Radeln das Gefühl vermittelt, der Radweg ist auch über die Kreuzung hinweg ein durchgehender Radweg. In Bonn vermittelt mir das Design eher: “Hier endet der Radweg. Auf der anderen Seite der Kreuzung fängt er wieder an.”

    Fahrradparken jenseits des Fahrradbügels

    Parken ist der dritte Punkt, der mir beim Radeln in Utrecht besonders ins Auge fällt. Wird in Bonn noch darüber diskutiert, ob hier und da ein paar Fahrradbügel aufgestellt werden sollen oder nicht, ist Utrecht einfach auf einem anderen Level unterwegs. In der Innenstadt gibt es 12 Fahrradparkhäuser mit über 30.000 Stellplätzen. Diese Zahl klingt beeindruckend, stehen doch in den Autoparkhäusern der Bonner City Parkraum in der Innenstadt nur knapp 3.500 Autostellplätze zur Verfügung. An diesen Zahlen sieht man sehr schön, welch immenser Flächenbedarf allein durch parkende Autos entsteht. Utrecht bringt auf wahrscheinlich weniger Platz Parkraum für ein Vielfaches mehr an potentiellen Kunden für die Einzelhändler der Innenstadt unter. Fairerweise sei gesagt: Natürlich gibt es auch im Utrechter Stadtzentrum Autoparkhäuser für mehrere tausend Autos. Im Gegensatz zu Bonn gibt es aber eine Verkehrsmittelwahl. In Bonn steht lediglich ein einziges Fahrradparkhaus mit 180 Stellplätzen zur Verfügung.

    Am Eingang der meisten Utrechter Fahrradparkhäuser wird die Zahl der verfügbaren Plätze angezeigt. Außerdem existiert ein Parkleitsystem, das an den zentralen Radwegen in die Innenstadt die Auslastung der umliegenden Parkhäuser anzeigt. Besonders beeindruckend – auch mit Blick auf das schön gedachte aber eher missglückte Fahrradparkhaus an der Rabinstraße in Bonn – ist das große Fahrradparkhaus am Utrechter Bahnhof, in das man direkt hineinradeln kann bis zu seinem Stellplatz – also genauso, wie man es vom Auto kennt und gewohnt ist. Warum sollte es beim Fahrradparken anders sein?

    Der Bau von Fahrradparkhäusern ist natürlich langwieriger als das Aufstellen von ein paar Fahrradbügeln. Lassen sich in Bonn evtl. Teile der bestehenden Autoparkhäuser umnutzen? Die Friedensplatzgarage z.B. verfügt über drei Ein- und zwei Ausfahrten. Hier könnte man eine Zufahrt für Fahrräder umnutzen. Auch die Stadthausgarage verfügt neben den Ein- und Ausfahrten für Autos noch über eine nur von städtischen Fahrzeugen genutzte Zufahrt an der Maxstraße. Potential für die schnelle Einrichtung von Fahrradparkhäusern als einem nächsten Schritt der Verkehrswende ist also vorhanden. 

    Blick ins Fahrradparkhaus Utrecht
    In einem Fahrradparkhaus in Utrecht
    Einfahrt zum Fahrradparkhaus Urecht
    Einfahrt in das größte Fahrradparkhaus der Welt am Utrechter Bahnhof
    Fahrradparkhäuser Utrecht
    Parkleitsystem für Radfahrende

    Neben diesen Parkhäusern in der Innenstadt fällt mir in Utrecht auf, dass Radfahrende in wirklich jeder Straße eine Abstellmöglichkeit finden. Das ist sinnvoll, da man ja nicht nur ins Zentrum fährt, sondern z.B. auch Freunde und Familie besucht. In meiner Wahrnehmung konzentrieren wir uns in Bonn noch sehr darauf, an Zielen wie der Innenstadt oder in den Stadtteilzentren Fahrradbügel zu errichten anstatt einfach in jeder Straße der Stadt ein, zwei Autoparkplätze mit Fahrradbügeln auszustatten und so Platz für 10 bis 20 Fahrräder zu schaffen. In Utrecht ist das so. Die Menschen hier können sicher sein, dass sie ihr Fahrrad in der Nähe ihres Ziels sicher abstellen können.

    Ich habe dazu aus Bonn ein negatives und ein positives Beispiel. Vor wenigen Jahren wurde die Römerstraße nach jahrelangen Arbeiten neu gestaltet. Dabei entstanden viele Autoparkplätze – und kein einziger Fahrradbügel. Anders lief es beim Umbau der Endenicher Allee zwischen Hosenbrücke und Alfred-Bucherer-Straße. Hier wurden bei der Neugestaltung mehrere Dutzend Fahrradbügel aufgestellt, die direkt nach Freigabe der Straße durch Anwohner und Besucher rege genutzt wurden.

    Seitenstraße Utrecht
    Eine normale Wohnstraße mit Abstellmöglichkeiten für Autos und Fahrräder

    Neben öffentlichen Parkmöglichkeiten finden sich in Utrechts Straßen auch viele abschließbare Fahrradboxen, in denen Stellplätze gemietet werden können. Das hilft gegen Diebstahl. Hier hat Bonn mit einigen Fahrradboxen an den neuen Mobilstationen einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. 

    Fahrradbox Utrecht
    Öffentliche, abschließbare Fahrradbox in einer Wohnstraße

    Platzgewinnung durch Umwidmung von Autostraßen

    Auffällig ist in Utrecht die Großzügigkeit der Verkehrsinfrastruktur für Fußgänger und Radfahrer. Die Rad- und Fußwege sind breit, die bauliche Trennung vom Autoverkehr benötigt zusätzlichen Platz. Woher kommt dieser Platz? Eine Antwort auf diese Frage kann man seit ein paar Jahren rund um den Utrechter Bahnhof erleben.Am westlichen Rand des Utrechter Zentrums und direkt am Bahnhof vorbei verlief einst eine Schnellstraße in Nord-Süd-Richtung. Diese bis zu zehnspurige Straße wurde in den letzten Jahren zurückgebaut und der ursprünglich dort vorhandene Kanal wieder erstellt. An beiden Seiten des Kanals verlaufen nun schmalere Straßen mit baulich getrennten Radwegen und nur noch einem Autofahrstreifen pro Richtung. Auch die wenige hundert Meter weiter auf der anderen Seite der Gleise parallel verlaufende zweite mehrspurige Autostraße wird z.Zt. zurückgebaut auf eine Fahrspur pro Richtung. Der Durchgangsverkehr für Autos wird auf dieser Straße komplett unterbunden zugunsten eines großzügigen Bahnhofsvorplatzes. Ersatz für die weggefallenen Autospuren wurde nicht gebaut. Die Stadt hat durch die Reduzierung der Fahrbahnen für Autos im Bahnhofsumfeld eine Menge Platz für Rad- und Fußgängerinfrastruktur aber auch für Parks und Busspuren gewonnen. Der Umbau ist noch nicht abgeschlossen. Man kann an manchen Stellen noch die Überreste der alten breiten Autostraßen erkennen und dadurch gut Vorher und Nachher vergleichen.

    Utrecht Kanal
    Dieser Kanal war die letzten 50 Jahre von einer Stadtautobahn verdeckt
    Baustelle Radweg Utrecht
    Im Hintergrund die verschmälerte Straße, im Vordergrund neu gewonnener Platz für andere Nutzungen

    In Bonn wird in Diskussionen zur Verkehrswende häufig das Argument der engen Straßen angebracht. Eine Umgestaltung hin zu weniger Autospuren und mehr Platz für Zufussgehende und Radfahrende sei aufgrund der beengten Platzverhältnisse nicht möglich. Aber auch in Bonn existieren sehr breite Autostraßen. Hier nur einige Beispiele: Die Adenauerallee am Hofgarten ist bis zu fünfspurig plus Parkstreifen an der Seite. Die B9 an der Museumsmeile ist sechs- bis neunspurig. Die Petra-Kelly-Alle an der Rheinaue ist vier- bis fünfspurig. Die Provinzialstraße zwischen Endenich und Duisdorf ist ebenfalls vier- bis fünfspurig. Der Bertha-von-Suttner-Platz hat bis zu fünf Autospuren plus zwei Parkstreifen parallel. Potential zur Platzgewinnung für Rad- und Fußverkehr durch Umgestaltung mehrspuriger Autostraßen ist meiner Meinung nach auch in Bonn ausreichend vorhanden.

    Fazit

    Eine Reise nach Utrecht zeigt eindrucksvoll, wie Bonn einmal aussehen könnte, wenn wir die Verkehrswende mit Nachdruck vorantreiben. Ich habe hier nur die für mich eindrücklichsten Punkte aufgeschrieben. Es gibt deutlich mehr wie z.B. den Bau von Fahrradbrücken über den durch Utrecht fließenden großen Kanal, die Verwendung von Pflastersteinen zur Geschwindigkeitsreduktion des Autoverkehrs oder die intelligente Schaltung von Ampeln, so dass ich weder als Fußgänger noch als Radfahrer je lange und unnötig an einer roten Ampel warten musste. Auch dass die Stadt durch weniger Autos deutlich ruhiger ist als Bonn ist ein weiterer Punkt.

    Schaut man sich die Verkehrsinfrastruktur in Utrecht an, so merkt man, dass hier ein anderer Ansatz verfolgt wird. Nicht der maximal mögliche Durchsatz an Autos ist das Ziel, sondern die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer. Dafür werden auch Autospuren reduziert, Abbiegevorgänge von Autos durch kleinere Kurvenradien verlangsamt und bauliche Trennungen vorgenommen. In Utrecht wird anerkannt, dass von Autos aufgrund ihrer Masse für andere Verkehrsteilnehmer Gefahr ausgeht. Die Verkehrsinfrastruktur schützt daher Zufussgehende und Radfahrende.

    Autofahrende werden trotzdem nicht ausgegrenzt. Alle Orte in Utrecht sind auch per Auto erreichbar. Es gibt zahlreiche Autoparkhäuser in der Innenstadt. Allerdings wird das Auto als Verkehrsmittel nicht bevorzugt, so wie es in Bonn nach wie vor an den meisten Stellen der Fall ist. Es wird durch gute Infrastruktur erfolgreich versucht, Menschen für andere Verkehrsmittel zu begeistern. Das bedeutet oft, dass Autos zu Gunsten von Geh- und Radwegen sowie Busspuren nicht den direkten Weg fahren können. Trotzdem können die, die wirklich auf ein Auto angewiesen sind, dieses auch weiterhin nutzen und alle Ziele erreichen.

    Utrecht zeigt, dass wir in Bonn für das Erreichen der Verkehrswende nicht alles neu erfinden müssen. Es reicht, zu schauen, was die Besten machen. Und dafür lohnt der Blick nach Utrecht. Nicht umsonst zählt die Stadt neben Amsterdam und Kopenhagen zu den fahrradfreundlichsten Städten der Welt.

    geschrieben von Martin P.