Die Stadt Bonn betreibt im Stadtgebiet mehrere Zählstellen für den Radverkehr. Die Daten sind hier öffentlich einsehbar. Wir haben uns die Zahlen angesehen und wollten wissen, wie stark der Radverkehr durch die Sperrung der Nordbrücke zugenommen hat. Dafür haben wir uns als Indikator die Anzahl der Brückenüberquerungen auf den Radwegen genommen. Ein Check anderer Zählstellen, zum Beispiel am Wilhelm-Spiritus-Ufer, hat eine ähnliche Entwicklung gezeigt. Der Radverkehr hat nach der Brückensperrung deutlich zugenommen. Lässt sich das quantifizieren?
Ja, lässt es sich. Hier sind unsere wichtigsten Erkenntnisse:
- In den Sommermonaten (21.06. bis 21.09.26) hat der Radverkehr auf den Brücken außerhalb der Ferien um knapp 32 % gegenüber dem Vorjahr zugenommen.
- In den Ferien ging der Radverkehr überproportional zurück. Das senkt den Durchschnitt. Über den gesamten Sommer ist der Radverkehr daher „nur” um knapp 25 % gestiegen.
- Die Kennedybrücke nimmt rechnerisch ca. 90 % des Radverkehrs der Nordbrücke auf. Daher hat der Radverkehr auf der Kennedybrücke außerhalb der Ferien sogar um fast 60% zugenommen. An Spitzentagen überqueren fast 20.000 Menschen auf Rädern oder Rollern den Rhein über die Kennedybrücke.

Gehen wir rein in die Daten. Radverkehr in Bonn ist zu einem großen Teil Alltagsverkehr. Die Zahlen am Wochenende, an denen der Freizeitverkehr stärker und der Pendlerverkehr geringer ist, liegen durchgängig unter den Zahlen in der Woche. Der Unterschied auf der Kennedybrücke macht 30-40 %, an den Zählstellen auf den Rheinradwegen ungefähr 10-20 % aus. Die Strecken beidseits des Rheins spielen eine große Rolle bei Freizeitfahrenden. Gleiches wie für die Wochenenden gilt für Ferien und Feiertage. Auch in den Ferien geht der Radverkehr deutlich zurück. Wir haben in den folgenden Grafiken die Ferienzeiten markiert.
Um die Verkehrsentwicklung sehen und vergleichen zu können, muss man sich die Daten mindestens auf Wochenbasis ansehen. Um die Effekte einzelner Feiertage oder Wetterphasen zu reduzieren, ist unsere Auswertung auf Basis von jeweils zwei Wochen gemacht. Die für ein Datum angezeigten Radverkehrszahlen sind also der durchschnittliche tägliche Radverkehr der davor liegenden 14 Tage. Und so sieht die Grafik für die Zeit von Juni bis September 2025 und 2026 für die drei Bonner Brücken aus:

Man sieht, dass die Kurven schon vor der Brückensperrung über den Vorjahreszahlen lagen. Die Werte am 1. Juni zeigen z. B. die Durchschnittswerte der letzten beiden Maiwochen. Diese Verschiebung liegt aber fast ausschließlich an den verschobenen Feiertagen im Mai. Die kirchlichen Feiertage, die sich an Ostern orientieren waren 2026 15 Tage früher als 2025. Die Radverkehrszahlen vor der Brückensperrung (Jan – Mai) für die drei Brücken lagen im Schnitt nur 3 % über dem Vorjahr.
Höchster Wert des Zweiwochendurchschnitts steigt um 37,3 %
Schauen wir uns die Maximalwerte an einzelnen Tagen an: Über alle Brücken zusammen fuhren am Donnerstag, dem 10.07.25, 22.348 Rad- oder Rollerfahrende. Das war die Spitzenzahl im letzten Jahr. In diesem Jahr wurde das bisherige Maximum quasi am gleichen Tag, am Donnerstag, dem 09.07.26, mit 27.808 Überquerungen gezählt. Das ist ein Zuwachs von 24,4 % gegenüber dem Vorjahr.
Aber mehr als die Einzelwerte interessiert uns der generelle Verkehrsanstieg. Nimmt man den Spitzenwert beim 14-Tage-Durchschnitt auf allen Brücken zusammen so liegt er am 29.06.25 bei 16.277 und am 16.07.26 bei 22.348. Daraus ergibt sich ein Zuwachs von 37,3 %. Dieser Wert liegt deutlich höher, als der Zuwachs am radverkehrsreichsten Einzeltag.
Brückensperrung bringt am Spitzentag 50 % mehr Radverkehr auf die Kennedybrücke als das Telekomfest 2025
Noch deutlicher sind die Spitzenbelastungen auf der Kennedybrücke gestiegen. Dort lag der Maximalwert am Samstag, 12.07.25, bei 13.227 und am Mittwoch, 15.07.26, bei 19.768 Rad- oder Rollerfahrenden. Das ist ein Zuwachs von 49,5 %. Übrigens war der Spitzentag 2025 der Tag der 30-Jahr-Feier der Telekom, die dafür sowohl in Beuel als auch im Zentrum verschiedene Events organisierte und Bühnen aufbaute. Scheinbar haben viele das Rad genommen, um die verschiedenen Veranstaltungen zu besuchen.
Bis zu 86 % mehr Radverkehr auf der Kennedybrücke
Aber schauen wir uns die Radverkehrsentwicklung über den gesamten Sommer an. In der folgenden Grafik haben wir den Zuwachs der 14-Tage-Zahlen gegenüber dem Vorjahr auf den Brücken dargestellt:

Die Kurven zeigen an, wie sich der Verkehr an den Zählstellen gegenüber dem Vorjahr verändert hat. Alles über der roten waagrechten Linie ist ein Zuwachs. Die braune Nordbrückenkurve verabschiedet sich selbstverständlich in den Keller. Auffallend ist die blaue Kurve für die Kennedybrücke. Sie steigt im Juni schnell auf fast 90 % Steigerung gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahrs, während die grüne Südbrückenkurve nur moderat steigt. Scheinbar braucht es auch bei den Radfahrenden eine gewisse Zeit, bis sich der Verkehr eingeregelt hat.
Der geringere Zuwachs bzw. der leichte Verlust im August hängt vorwiegend mit den unterschiedlichen Sommerferienterminen zusammen. Er steigt nach dem Ende der Sommerferien wieder auf einen ähnlichen Wert wie davor.
Bei der rein visueller Auswertung der Zahlen lesen wir einen langfristigen Zuwachs von ca. 30 bis 40 % bei der Summe über alle Brücken ab. Auch die Südbrücke bewegt sich in diesem Korridor. Bei der Kennedybrücke scheint die Zunahme bei 60 bis 70 % liegen. Das führt zu folgende Erkenntnissen:
- Offensichtlich sind viele Bonnerinnen und Bonner nach der Sperrung der Nordbrücke auf das Fahrrad als Verkehrsmittel umgestiegen.
- Durch die Brückensperrung hat der Radverkehr insgesamt deutlich (30-40 %) zugenommen.
- Die Kennedybrücke nimmt zudem noch den Radverkehr der Nordbrücke auf und zeigt einen noch höheren Zuwachs (ca. 60 %)
Radverkehr auf den Brücken steigt außerhalb der Ferien um fast 32 %
Um das noch deutlicher zu quantifizieren schauen wir in die längerfristigen Zahlen. In der nachfolgenden Grafik haben wir die Daten des Sommers (21.06.-21.09.) mit dem Vorjahr verglichen (gelber Balken). In rot sind die Sommerferientage der beiden Jahre verglichen. Der blaue Balken zeigt den Zuwachs in den Zeiten außerhalb der Sommerferien.

Auch hier gibt es spannende Erkenntnisse:
- Der Radverkehr auf den Brücken hat über den gesamten Sommer um 24,9 % zugenommen.
- Die Zunahme auf allen Brücken zusammen lag in den Schulferien nur bei 18,0 %.
- Außerhalb der Ferien hat der Radverkehr auf den Brücken im Schnitt um 31,6 % zugenommen.
- Auf der Kennedybrücke wurden im Sommer 49,6 % mehr Radfahrende gezählt.
- Auch in den Ferien wurden auf der Kennedybrücke 43,2 % mehr Räder gezählt.
- Außerhalb der Ferien wickelt die Kennedybrücke 59,7 % mehr Radverkehr ab.
Und um das noch mit absoluten Zahlen zu sagen:
- Insgesamt ist der Rhein in diesem Sommer 323.786 mal mehr mit dem Rad oder Roller auf den verblieben beiden Brücken überquert worden als im Sommer 2025 über drei Brücken.
- Auf der Nordbrücke sind 79.334 Überfahrten weggefallen. Rechnerisch sind 90 % dieser Fahrten jetzt über die Kennedybrücke gegangen.
- Daher wurden auf der Kennedybrücke sogar 395.051 Überquerungen mehr als im Vorjahr gezählt.
- In diesem Sommer wurden insgesamt 1.626.303 Brückenüberquerungen von den Radverkehrzählstellen gezählt. Im Schnitt sind das 17.677 am Tag. Außerhalb der Ferien waren es sogar durchschnittlich 26.301 am Tag.
Der Radverkehr entlastet den Autostau massiv
Die Zahlen belegen das, was man jeden Tag auf den Hauptachsen des Radverkehrs erlebt: Es sind deutlich mehr Menschen mit dem Rad unterwegs. Wenn das Auto als zuverlässiges Verkehrsmittel wegfällt, weil man nicht weiß, ob man das Ziel rechtzeitig erreicht, ist das Rad für viele Menschen die naheliegende Alternative. Außerhalb der Ferien fahren 42 % mehr Schüler*innen, Pendler*innen, Innenstadtbesucher*innen, Elterntaxis, Lieferdienste usw. mit dem Rad. Das ist gut und hilft allen. Es müsste alles dafür getan werden, dass noch mehr Menschen eine sichere und zuverlässige Alternative zum eigenen Pkw bekommen.
Ärgerliche Maßnahmen der Task Force
Nach diesen Überlegungen ist es um so ärgerlicher, dass durch die Maßnahmen der Task Force und durch den dichten Auto- und Lkw-Verkehr das Radfahren unsicherer geworden ist. Gerade in der dunklen Jahreszeit erhöht sich die Gefahr für die „schwächeren” Verkehrsteilnehmer. Eine gute Vorsorge wäre mehr Schutz für Radfahrende, damit sich mehr Menschen trauen, das Rad zu nutzen. Aber leider verstehen CDU, SPD, FDP und BBB nicht, dass das Konzept der maximalen Autospuren in großen Städten zum Scheitern verurteilt ist.
Artikelergänzung – 5 Jahreszahlen
In einem Kommentar unten wurde nach einem längerfristigen Vergleich der Radverkehrszahlen gefragt. Es ist erstaunlich, wie konstant der Radverkehr gewesen ist. Nimmt man 2022 als Basisjahr, sind die Zahlen in den Jahren 2023 und 2024 gesunken und dann 2025 wieder knapp auf das Niveau von 2022 gestiegen. Zwei Beispiele:
Kennedybrücke
| 2022 | 2023 | 2024 | 2025 | Jan – Sept 2026 |
|---|---|---|---|---|
| 2803849 | 2721574 | 2645418 | 2656034 | 2694457 |
| 100% | 97% | 94% | 95% | 96% |
Wilhelm-Spiritus-Ufer
| 2022 | 2023 | 2024 | 2025 | Jan – Sept 2026 |
|---|---|---|---|---|
| 973299 | 944633 | 878087 | 986027 | 927042 |
| 100% | 97% | 90% | 101% | 95% |
In den ersten neuen Monaten des laufenden Jahres sind schon annähernd so viele Menschen mit Rädern gezählt worden, wie in den 12 Monaten des letzten Jahres.
Auch der längere Blick zurück zeigt nur einen moderaten Anstieg des Radverkehrs an den Zählstellen (auch hier ist der 26er-Wert nur aus den vergangenen neun Monate):


Gehen wir runter auf die Monatszahlen der einzelnen Zählstellen innerhalb der vergangenen fünf Jahre zeigt sich ein ähnliches Niveau der Zahlen, aber Verschiebungen zwischen den Monaten. Das hängt, wie bereits oben gesagt, vorwiegend mit Ferien, Feiertage und Wetter zusammen. So liegt der August 2026 auf Grund der späteren Ferien und des stärkeren Verkehrsrückgang in den Sommerferien etwa auf Vorjahresniveau, während Juli und September den starken Radverkehrsanstieg durch die Sperrung der Nordbrücke zeigen (rote zur orangen Kurve). Dies ist besonders deutlich bei den Zahlen der Kennedybrücke, deutlich auch bei der Südbrücke und weniger ausgeprägt bei den beiden Zählstellen an den Rheinufern, die im Sommer sehr viel mehr Freizeitverkehr haben. Hier verlaufen die stark besuchten Rheinradwege des Deutschlandnetzs und die Eurovelos.




Auffällig ist auch, dass die Kurven der Radverkehrszahlen der Brücken über das Jahr wesentlich flacher verlaufen als die an den Rheinradwegen, die mehr von Freizeitverkehr geprägt sind. Dieser fällt im Herbst und Winter deutlich mehr ab, als es der Alltags- und Pendlerverkehr auf den Brücken tut. Es wird spannend zu sehen, wie sich die Entwicklung in diesem Herbst zeigt.

Schreibe einen Kommentar