Kategorie: Menschen / Einblicke

  • Ökonomie und Ökologie in der Logistik verbinden

    Ökonomie und Ökologie in der Logistik verbinden

    Interview mit Paul Schwarzelühr, Gründer von VEMO-Logistik

    Was ist das Besondere an VEMO-Logistik?

    Wir sind ein Logistikunternehmen mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Wir nutzen ausschließlich energie- und ressourcenschonende Fahrzeuge. Zusätzlich achten wir auf gute Arbeitsbedingungen, ein gutes Klima im Team.

    Foto: Dominik

    Aus welchen Branchen kommen eure Kunden?

    Unsere Kunden kommen hauptsächlich aus den Branchen KEP (Kurier-Express-Paket), Lebensmittel, e-Commerce und Catering. 

    Welche Logistikbedürfnisse haben eure Kunden, und welche Lösungen könnt ihr dafür anbieten?

    Es geht unseren Kunden um zuverlässige Logistik mit hoher Qualität. Die Nachhaltigkeit unserer Lösungen spielt auch eine Rolle. Selbst die zentralsten Orte in Bonn können wir stressfrei und zuverlässig anliefern und das alles emissionsfrei.

    Wie groß und schwer sind die Lasten, die ihr mit euren nachhaltigen Fahrzeugen transportieren könnt?

    Wir liefern bis zu 3 Kubikmeter und 400 Kilogramm pro Fahrrad. Es gibt eigentlich fast nichts mehr, was nicht mit einem Lastenrad geliefert werden kann. Und wir wollen noch größere Dinge transportieren, deshalb sind wir Partner in einem Projekt eine neue Lösung zu entwickeln mit der wir 4 Kubikmeter Ladevolumen haben werden. Das Fahrrad geht im April in Bonn auf die Straße und hat fast so viel Volumen wie ein Mercedes Vito Transporter.

    Foto: Luiz Andrade

    Nachhaltige Lösungen sind leider nicht immer die günstigsten. Wie ist das bei euch?

    Wir bieten wettbewerbsfähige Preise an, um zu zeigen, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sich nicht ausschließen. Unsere Unternehmensstrategie ist aber nicht das günstigste Angebot zu machen. Wir wollen hohe Qualität abliefern, und wir bezahlen unsere Angestellten so, dass sie davon auch gut leben können. Der Beruf von Paketzusteller*innen, Kurierfahrer*innen etc. wird monetär nicht genügend wertgeschätzt und bedeutet oft ein Leben am Existenzminimum, trotz 40 Stunden Arbeit in der Woche. Das finden wir nicht fair und legen deshalb Wert auf hohe Qualität, gute Zustellerlebnisse und Nachhaltigkeit. Das muss sich dann auch im Preis widerspiegeln.

    Viele Unternehmen haben den Eindruck, dass es für sie nicht möglich oder sehr schwierig ist, nachhaltige Logistiklösungen einzusetzen. Was sagst du dazu?

    Es ist eine Umstellung und erfordert teilweise andere Prozesse. Es ist aber für die allermeisten Fahrten in der Stadt problemlos möglich. Was fehlt, ist das Wissen und der Mut etwas zu verändern. Es gibt Lastenräder, die vom Komfort einem Auto nahe kommen und so den Umstieg erleichtern. Ich kann nur allen Unternehmen empfehlen sich damit auseinanderzusetzen. Es geht ja nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um Kosteneffizienz. Ein Auto kostet mehr als 6 Mal so viel pro Kilometer. Für Unternehmen lassen sich da also Ökologie & Ökonomie sehr gut verbinden.

    In Bonn sollen noch dieses Jahr die Fahrradstraßen markiert werden, in diesem Frühjahr wird auf der Adenauerallee die einspurige Verkehrsführung für den motorisierten Verkehr erprobt. Wie beurteilst du diese Vorhaben?

    Wir begrüßen es sehr, dass Versuche unternommen werden die Verkehrssituation für alle Bonnerinnen und Bonner zu verbessern. Im Endeffekt geht es ja darum, dass wir uns alle gerne in der Stadt aufhalten wollen und gut und stressfrei zu unseren Zielen kommen. Ohne laute Geräusche, schlechte Luft oder Platzmangel. Trotz des starken öffentlichen Gegenwinds, sind wir überzeugt, dass das der richtige Weg ist und wir nicht mit der autozentrierten Politik der 70er Jahre in die Zukunft kommen.

    In der öffentlichen Diskussion geht es oft um die Stausituation in Bonn. Stehen eure Fahrzeuge im Stau wie andere auch?

    Unsere Fahrzeuge dürfen Fahrradwege benutzen, weshalb wir die Staus umfahren können. Beim Blick nach links fällt uns dann oft auf, wie viele Autos mit 1-2 Personen besetzt sind. Der Platzbedarf ist aber der von 15 Personen. Kein Wunder, dass es Staus gibt.

    Die Mobilitätsbedürfnisse von Unternehmen sind sehr unterschiedlich. Was würdest du zum Beispiel einem Handwerksbetrieb empfehlen, der für die Anfahrt zu Kunden mehr Zeit benötigt als noch vor einigen Jahren?

    Es kommt stark drauf an um was für ein Handwerk es geht. Viele Handwerker sind mit Transportern unterwegs, die vom Volumen nicht vollständig ausgelastet sind. Hier würden wir den Umstieg auf ein kleineres Fahrzeug, zum Beispiel ein E-Lastenrad empfehlen. Werkzeuge, Material bis zu 2-3 Kubikmetern Volumen können problemlos mitgenommen werden und aufgrund des geringeren Platzbedarfs können Staus umfahren und auch schmale Fahrradwege genutzt werden. Manche Unternehmen müssen aber nun mal mit größeren Fahrzeugen fahren und da liegt es dann an allen anderen privat oder geschäftlich zu überlegen: muss ich diese Fahrt mit so einem großen Fahrzeug machen oder reicht vielleicht auch ein Fahrrad/Lastenrad? Das Gesamtkonstrukt muss funktionieren. Alle Transporte aufs Lastenrad umzustellen funktioniert nicht, 50-60% aber in jedem Fall.

    Wie siehst du die Verkehrssituation in Bonn vor 5 Jahren und heute im Vergleich? Was hat sich verändert?

    Die größte Veränderung ist, dass nun sichtbar Radverkehr auch eine Priorität ist und mehr für die Sicherheit getan wird. Wir beobachten, dass ausprobiert wird und sich Gedanken gemacht werden, um die Situation für die Menschen zu verbessern. Eine positive Veränderung aus unserer Perspektive sind die farblich markierten Radwege und die bauliche Trennung zum motorisierten Verkehr. Das sorgt für ein gutes Gefühl beim Fahren. Die Umweltspur auf der Oxfordstraße ist ein Beispiel für gelungene Veränderungen.

    Wie hat sich diese Veränderung auf VEMO-Logistik ausgewirkt?

    Unsere Fahrerinnen und Fahrer fühlen sich sicherer und klar zugewiesene Räume für Radverkehr sorgen dafür, dass diese Räume auch tendenziell eher freigehalten werden.

    Foto: Luiz Andrade

    Wenn du dir für die Verkehrspolitik in Bonn etwas wünschen dürftest, was wäre das?

    Ich würde mir wünschen den privaten Autoverkehr und Parkplätze in der Stadt stark einzuschränken. Der Platzbedarf ist unverhältnismäßig und Unternehmen werden daran gehindert zu liefern und beliefert zu werden. Und in Bonn ist man privat mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV sowieso viel schneller auf der Arbeit, beim Sport, bei Freunden als mit dem Auto.

    Fragen gestellt von Sonja

  • Umgestaltung der Adenauerallee: wie wirkt es sich auf die Geschäfte aus?

    Umgestaltung der Adenauerallee: wie wirkt es sich auf die Geschäfte aus?

    Interview mit Jonas Wolfes von Wolfes & Wolfes

    Das Interview führte Sonja Thiele mit dem Inhaber Jonas Wolfes von Wolfes & Wolfes am 28.7.2023. Anlass war die Radentscheid-Aktion auf der Adenauerallee, bei der wir für die Dauer von zwei Stunden eine geschützte Pop-Up-Bikelane zwischen Hofgarten und Weberstraße eingerichtet haben.

    Sonja Thiele: Wir haben heute die Aktion mit der geschützten Pop-Up-Bikelane auf der Adenauerallee direkt vor deiner Tür. Vielleicht kannst du kurz sagen, wo wir hier gerade sind?

    Jonas Wolfes: Wir sind hier im Ladengeschäft Wolfes & Wolfes an der Adenauerallee. Wir sind ein kleines, inhabergeführtes Geschäft für Naturmatratzen, Naturbettwaren und Futons und sind hier seit ca. 13 Jahren ansässig, insgesamt gibt es uns seit 37 Jahren in Bonn.

    Sonja: Wie bewertest du die Idee eines geschützten Radwegs auf der Adenauerallee und die Aktion mit der Pop-Up-Bikelane heute?

    Jonas: Ich finde, das ist eine super Idee. Wir sind dieser Aktion grundsätzlich sehr positiv gegenüber eingestellt.

    Sonja: Wie denkst du, wird es sich auf die Erreichbarkeit des Geschäfts auswirken, wenn es auf der Adenauerallee einen dauerhaften geschützten Radweg geben wird?

    Jonas: Grundsätzlich in keinem Sinne negativ, ich würde eher sagen positiv. Wir haben eigene Parkplätze im Hinterhof, die weiterhin genutzt werden können. Eine geschützte Radspur würde sich eher positiv auf die Aufmerksamkeit auswirken, die unserem Ladengeschäft entgegengebracht wird. Das liegt daran, dass das Tempo der Radfahrenden, die hier vorbeifahren, gemächlicher ist als das des Autoverkehrs, diese potenziellen Kund*innen nehmen uns also besser wahr.

    Sonja: Wenn auf der Adenauerallee dauerhaft eine geschützte Radspur eingerichtet wird, wie bekommst du dann deine Ware?

    Jonas: Unsere Ware wird mit Lkw angeliefert, wir haben natürlich Speditionen, die uns beliefern. Es ist ja geplant, dass die Stadt Lieferzonen dafür einrichtet. Wenn diese Lieferzonen nicht direkt vor dem Ladengeschäft wären, wäre das für uns eigentlich logistisch kein Problem, da wir eigene Hubwagen haben und ein großes Lager im Hinterhof.

    Sonja: Vielen Dank für das Gespräch!

  • „Ohne Veränderung verändert sich halt nix.“ 

    „Ohne Veränderung verändert sich halt nix.“ 

    Wie bist du denn heute zur Arbeit gekommen? 

    Heute bin ich tatsächlich mit dem Auto gekommen, weil ich vorher in Köln einen Termin hatte und ich noch eine riesige Kiste mit Ware transportieren musste. Da ich in Hersel wohne und jetzt zwischen Köln, Bonn und Hersel hin- und herfahren musste, wäre das anders nicht gegangen. Aber sonst komme ich tatsächlich meistens mit dem Fahrrad. 

    Euer Laden liegt ja in der Friedrichstraße und die ist seit 1997 autofrei – wie kommen denn Eure Kund:innen zu Euch? 

    So genau weiß ich das natürlich nicht bei jede/r Kund:in, denn bei denen, die mit dem Auto kommen, sehen wir das ja nicht – die fahren ja direkt in die Tiefgaragen und kommen dann genau wie die Nutzer:innen des ÖPNV zu Fuß hierher. Aber ich sehe auch immer viele, die mit dem Fahrrad direkt vor der Ladentür parken. 

    Ist das ein Thema, bei Euren Kund:innen? In dem Sinne, dass es vielleicht Beschwerden darüber gibt, dass die Geschäfte schwierig zu erreichen wären mit dem Auto? 

    Nein. Also das habe ich hier im Laden noch nicht ein einziges Mal gehört. Und ich kenne das Thema  auch aus der privaten Perspektive: Es gibt durchaus Situationen, in denen ich mit dem Auto in die Innenstadt fahre und dann fahre ich halt ins Parkhaus. Da soll es ja das ein oder andere geben in Bonn. 

    Wisst ihr, wo Eure Kund:innen so herkommen? 

    Also eine richtige Erhebung dazu haben natürlich nicht gemacht, aber wir unterhalten uns oft. Wir haben eine ganz gute Mischung aus Stammkund:innen aus dem Bonner Stadtgebiet – aber viele kommen auch aus der Eifel, dem Westerwald, aus Koblenz oder dem Bergischen zu uns. 

    Wie machen das Eure Lieferant:innen oder Handwerker:innen, die zu Euch müssen? 

    Unsere Ware wird bis 12 Uhr von den üblichen Kurierdiensten angeliefert. Handwerker parken zwar auch schon mal hinter dem Haus, können ansonsten aber auch problemlos in dem Zeitraum vorne stehenbleiben. 

    Wir waren lange Zeit der einzige Laden in diesem Bereich der Friedrichstraße, der keine Blumenkübel oder Ähnliches vor der Tür stehen hatte, wodurch wir immer wieder Probleme mit Leuten hatten, die meinten, hier zum Einkaufen parken zu müssen. Aber jetzt haben wir seit drei Jahren gottseidank die Grüne Insel, die einerseits sehr schön und ein Ort der Begegnung ist und andererseits dafür sorgt, dass unser Laden hier nicht mehr zugeparkt wird. 

    Grüne Insel? 

    Die Grünen Inseln sind ein Projekt vom Wissenschaftsladen Bonn um die Innenstadt etwas grüner zu machen. Das sind kombinierte Pflanzkübel und Sitzgelegenheiten aus Holz. Da sitzen dann oft Menschen und trinken ihren Kaffee, essen ihr Eis oder ruhen sich einfach nur aus und kommen miteinander ins Gespräch. Und wir kümmern uns darum, bepflanzen sie und machen sie jeden Morgen sauber. 

    Die Friedrichstraße ist erst seit rund 20 Jahren Fußgängerzone, also viel später dazugekommen. Hast du eine Idee, wie der ehemalige „Cityring“, also das Teilstück zwischen Busbahnhof und Viktoriakarree, künftig aussehen könnte? 

    Ich habe ganz lange in Hamburg gewohnt und dort wurde in Eimsbüttel die Osterstraße – früher eine Hauptdurchgangsstraße – komplett neu angelegt. Heute können da Fuß-, Rad- und Autoverkehr gut parallel vorankommen – das ist natürlich der Idealfall. Zu Frust führt immer, wenn zu wenig Platz für alle ist. Wichtig ist, dass es eine klare Aufteilung gibt, also zum Beispiel einen Fahrradstreifen und einen Fußgängerstreifen. 

    Ich fahre ja selber auch viel Fahrrad, aber ich würde zum Beispiel nicht auf die Idee kommen, nachmittags um drei hier mit 25 km/h durch die Friedrichstraße zu radeln. Das macht zwar nur eine Minderheit, aber das wird dann halt in den Medien und Kommentarspalten bei Facebook hervorgehoben. Gegenseitige Rücksichtnahme ist hier einfach von allen Seiten gefragt. 

    Merkt ihr hier etwas von der Kappung des Cityrings? 

    Nein, das kann ich wirklich nicht anders sagen: Das hat überhaupt keinen Einfluss auf uns. 

    Und wie erklärst Du Dir dann, das teilweise behauptet wird, die Umsätze des Einzelhandels würden um bis zu 25% einbrechen? 

    Ich glaube, das ist ein generelles Problem des stationären Einzelhandels, dass die Umsätze einbrechen und das liegt wohl teilweise auch an den Konzepten. Die ganze Corona-Lockdown-Phase war natürlich extrem hart, aber wir haben danach einen deutlichen Zustrom gemerkt – auch, dass die Leute ganz gezielt zu uns kommen. Ich glaube nicht, dass der Umbau des Cityrings bei der großen Mehrheit der Menschen irgendeinen negativen Einfluss hat – dann wäre es ja auch kein auf Bonn beschränktes Phänomen. 

    In der Berichterstattung wird immer nur der negative Aspekt betont, wenn es um Veränderungen geht. Anstatt zu klagen, dass da jetzt irgendwo einzelne Parkplätze wegfallen, könnte man ja zum Beispiel auch mal sagen: „Hey, super, dass da jetzt mehr Platz für Menschen zu Fuß ist und dass die Menschen sich freier in der Stadt bewegen können!“ Beim Lesen der Artikel hat man ja teilweise den Eindruck, man könne die Innenstadt nicht mehr mit dem Auto erreichen, geschweige denn ins Parkhaus fahren, aber das stimmt ja schlichtweg nicht. 

    Wie schätzt du generell die Verkehrssituation in Bonn ein? 

    Es kommt natürlich immer drauf an, von wo man kommt und wohin man will, und es gibt immer auch gute Gründe für unterschiedliche Menschen, ein Auto zu benutzen. Man darf nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die aus gesundheitlichen Gründen aufs Auto angewiesen sind. Für viele andere und auch für mich persönlich ist das auch oft auch einfach nur Bequemlichkeit – aber letztlich gilt: Ohne Veränderung verändert sich halt nix – und so wie es ist, kann es nicht bleiben. 

    Immer mehr Autos … das ist schwierig. Es wird oft vergessen, dass die Zahl der zugelassenen Autos in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen hat und es auch dadurch vermehrt zu Staus kommt.  Es hilft natürlich auch nicht, einfach alle Autos aus der Stadt zu verbannen und den Rest dann so zu lassen, wie er ist. Es müssen Konzepte her. Was mir hier in der Breite etwas fehlt, ist zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr. Das wäre wichtig. Bislang ist er insbesondere in Bonn zu teuer zu kompliziert und zu wenig flächendeckend. Aber da tut sich ja glücklicherweise mit dem Bürgerticket etwas. Und es gibt einfach Stellen, an denen ich definitiv nicht Fahrrad fahre, weil es mir zu gefährlich ist. 

    Wie blickst du allgemein in die Zukunft der Innenstadt? 

    Wir haben doch alle während Corona gemerkt, dass es so ganz ohne persönlichen Kontakt schwierig ist. Sonst würden wir ja jetzt alle nur noch online kaufen. Die großen Ketten sind sicher größtenteils eher austauschbar und werden wohl langfristig vom Online-Geschäft verdrängt. Aber Läden, die eine persönliche Beratung bieten und eine Willkommens-Atmosphäre schaffen, werden immer eine Zukunft haben. Da glaube ich ganz fest dran, das erlebe ich hier in der Friedrichstraße an vielen Stellen und das bekommen wir regelmäßig von unseren Kund:innen zu hören. 

    Ich wünsche mir auch mehr Wohnraum in der Innenstadt, auch damit es hier nachts nicht so ausgestorben ist – die Innenstadt muss wieder belebt werden und wenn man weiß, wieviel Wohnraum hier leer steht, ist da auf jeden Fall Potenzial versteckt. 

    Es müssen Konzepte her, die all das berücksichtigen. Und wenn man in andere Städte schaut, wo schon Konzepte umgesetzt wurden, dann sie man ja auch, dass das die Innenstädte nicht schädigt, sondern – im Gegenteil – wieder belebt. 

    Liebe Kerstin, vielen Dank für das Gespräch!

    Das Gespräch führten Tobi und Martin

  • Ich gebe nie auf. Ich fahre immer weiter Fahrrad.

    Ich gebe nie auf. Ich fahre immer weiter Fahrrad.

    In diesem Bericht lassen wir Antonius selbst erzählen, was Fahrrad fahren für ihn bedeutet, denn er hat das Down-Syndrom.

    Antonius lebt mit seinen Eltern im Münsterland, aber jedes Jahr verbringt er eine Woche in Bonn bei der Familie seines Bruders. Er findet es etwas Besonderes ohne seine Eltern unterwegs zu sein. In Bonn ging er im letzten Sommer mit seinem Bruder oft ins Freibad und machte mehrere Fahrradtouren. Was bedeutet das Fahrradfahren für Antonius und wie ist es für einen Jugendlichen aus dem fahrradfreundlichen Münsterland in Bonn Fahrrad zu fahren? Wir sprachen mit ihm und seinen Eltern.

    Hallo Antonius, ich wollte mich mit Dir übers Fahrradfahren unterhalten. Fährst Du gerne Fahrrad?

    Ja. Und ich fahr ganz viel Fahrrad.

    Was für ein Fahrrad fährst Du?

    Ein ganz normales. Ich hatte mal ein Mountainbike, als ich kleiner war. Jetzt fahr ich ein normales.

    Fährst Du mit dem Fahrrad auch zur Schule?

    Gerade ist keine Schule. Aber vorher jeden Tag. Ich fahr alleine. Ungefähr 3 Kilometer.

    Du könntest Dich ja zur Schule auch vom Taxi abholen lassen, warum fährst Du mit dem Rad?

    Mit dem Fahrrad macht es mehr Spaß. Und es geht schneller. Das Taxi muss auch andere Schüler abholen.

    Fährst Du sonst auch mit dem Rad?

    Ich fahre einkaufen mit der Fahrradtasche. Mit meinen Eltern mach ich oft eine Fahrradtour. Das letzte mal 28 km. Zu meinem Onkel fahr ich auch alleine. Das sind 6 km.

    Hattest Du schon mal einen Unfall mit dem Fahrrad?

    Ich bin mal gestürzt. Einmal auch gegen ein Auto. Aber es ist nichts Schlimmes passiert. Ich gebe nie auf. Ich fahre immer weiter Fahrrad.

    Was wünscht du Dir für Radwege? Was ist dabei wichtig für Dich?

    In der Schule habe ich einen Fahrradführerschein gemacht. Ich fahre auch auf der Straße. Ich mag aber vor allem Abkürzungen, wo nur Fahrräder fahren. Abkürzungen sind wichtig. Da kann ich schneller fahren.

    Antonius und sein Bruder Dominik

    Wie findest Du Bonn?

    Bonn ist richtig gut. Ich mag das Freibad und den Biergarten am Alten Zoll.

    Würdest Du auch in Bonn mit dem Fahrrad zur Schule fahren?

    Ja, wenn die Schule in der Nähe ist und wenn es Abkürzungen gibt. Sonst ist das in Bonn gefährlich.

    Antonius‘ Eltern unterstützen ihren Sohn

    Antonius Eltern fahren ebenfalls gerne und häufig mit dem Fahrrad und machen gerne längere Tagestouren durchs Münsterland und die benachbarten Niederlande. Sie freuen sich darüber, dass Antonius so gerne Fahrrad fährt und unterstützen ihn.

    Wie kam es dazu, dass Antonius heute so selbstständig mit dem Rad unterwegs ist?

    Fahrradfahren ist in unserer Familie und hier im Münsterland eine Selbstverständlichkeit. So hat auch Antonius früh das Radfahren gelernt. Ebenso wie für Kinder, ist auch für viele Menschen mit Behinderungen das Fahrrad ein ganz großes Stück Selbstständigkeit. Das wollen wir natürlich unterstützen. Viele können keinen Autoführerschein machen, aber durchaus gut und sicher Fahrradfahren. Menschen mit Down-Syndrom haben außerdem häufig eine Muskelschwäche. Das Radfahren ist da eine super Möglichkeit zur Bewegung.

    Würdet Ihr Antonius auch in Bonn mit dem Fahrrad alleine fahren lassen?

    Wir würden es versuchen. Allerdings bräuchte er dafür sichere Wege in Bonn.

    Freie Wahl für alle

    Die Gestaltung der Straßen-Infrastruktur hat große Auswirkungen darauf, welches Verkehrsmittel die Menschen wählen. Der Radentscheid Bonn setzt sich dafür ein, dass alle Menschen in Bonn die Möglichkeit haben, sich angstfrei und komfortabel auf dem Fahrrad durch die Stadt zu bewegen. Alle Menschen – das bedeutet auch (kleine) Kinder, Menschen mit Beeinträchtigungen, Senioren, oder unerfahrene Radler:innen. Fahrrad fahren soll keine Frage des Fitnesszustands oder Zeichen von Unerschrockenheit sein. Nur dann, wenn Menschen sich im Straßenverkehr auf dem Fahrrad sicher fühlen, gibt es eine echte freie Wahlmöglichkeit der Verkehrsmittel. Leider stellen wir in vielen Gesprächen mit Bonner Bürger:innen fest, dass viele für bestimmte Strecken auf das Fahrrad verzichten, obwohl sie gerne radeln würden – aus Angst, im Straßenverkehr als schwächerer Verkehrsteilnehmer in Unfälle verwickelt zu werden.

    Eines unserer Ziele ist daher die kinderfreundliche Stadt: Rad- und Fußwege, die so gestaltet sind, dass Kinder sie sicher benutzen und sich selbständig auf ihnen bewegen können. Das geht nur mit einer Infrastruktur, die menschliche Fehler ausgleicht, weil sie die schwächeren Verkehrsteilnehmer:innen schützt, indem sie die stärkeren zum Achtgeben zwingt. Wir stehen als Gesellschaft vor der Entscheidung, welchen Weg wir zukünftig beschreiten wollen: sollen Menschen wie Antonius die Möglichkeit haben, auch in Bonn selbständig mit dem Fahrrad zur Schule fahren können, oder bleibt das Fahrrad ein Verkehrsmittel für die Jungen, Fitten und Mutigen? Ihr habt die Wahl!

  • „Fahrräder sind das neue Klopapier“

    „Fahrräder sind das neue Klopapier“

    Mein erstes Ziel ist Fahrrad XXL Feld in St. Augustin. Schon als ich mich dem auf freiem Feld gigantisch wirkenden Gebäude nähere, fallen mir die Menschenmassen vor dem Haupteingang auf. Angetan mit Masken und in Corona-korrektem Abstand warten sie, auf mehrere Schlangen verteilt geduldig auf den Einlass.

    Cathérine Feld, zuständig u. a. für Fashion und Marketing im größten Fahrradgeschäft der Region, erläutert mir das Einlasssystem, durch das Abstand gewahrt werden soll. Auf der Freifläche wurden Wartelinien für Warengruppen markiert. „Ja, der Andrang ist groß. Es deutete sich schon während des Shutdowns an. Der Online-Verkauf von Rädern nahm in der Zeit, in der das Geschäft geschlossen war, stark zu. Auch am Telefon bestellten die Kunden. Mit der Wiedereröffnung am 20.4. stand dem Saisonstart dann nichts mehr im Wege. In der ersten Woche wurden wir überrannt,“ berichtet sie.

    Cathérine Feld berichtet von einem Ansturm gerade auch auf E-Bikes

    „Der absolute Renner sind E-Bikes, die von immer jüngeren Menschen gekauft werden“ und weist auf die Schlange für eine E-Bike-Beratung hin: „Sie ist in der Tat immer die Längste.“ Auf die Frage, wie sie sich den Boom erkläre, meint Cathérine Feld ganz ähnlich wie ihre Antipoden: „Zum einen besteht wohl ein gewisser Nachholbedarf und der Wunsch nach der Mobilität mit einem der aktuell sichersten Verkehrsmittel.“ Zum anderen würden viele Menschen jetzt ihren Urlaub für dieses Jahr umplanen. Da eine Reise ins Ausland nicht möglich sei, würde das Geld in Fahrräder und den umsetzbaren Fahrradurlaub in Deutschland investiert. Auf meine Frage hin bestätigt sie mir, dass sich der Umsatz pro Kunde erheblich erhöht habe, vor allem durch die starke Nachfrage nach hochwertigen E-Bikes.

    Keine Schlangen sehe ich wenig später vor dem Geschäft von e-motion technologies im Lievelingsweg im Bonner Norden. „Auch bei uns begann es schon während des Shutdowns“, meint Inhaber Thomas Busch, nachdem er meine Frage nach einem Umsatzplus nur mit einem bedeutungsvollen Nicken beantwortet. „Teils haben wir nach der telefonischen Beratung unsere Pedelecs zu einem Parkplatz gebracht, wo die Kunden bei einer Probefahrt die finale Entscheidung getroffen haben.“ Seit der Wiedereröffnung werden nur noch feste Beratungstermine vergeben. „Das ist sowohl für uns als auch die Kunden wesentlich entspannter.“ Und natürlich auch sicherer, da der Andrang gering ist. „Inzwischen kaufen alle Altersgruppen E-Bikes. Natürlich gibt es das Rentnerehepaar und die best-ager, die Rad fahren möchten und sich nicht mehr so fit fühlen.“ Andererseits sieht er jetzt auch viele Jüngere, die anfangen, mit elektrischer Unterstützung zur Arbeit zu pendeln und sich am Wochenende aufs Renn- oder Mountainbike setzen.

    Als ich ihn frage, ob der Trend anhalten wird, gibt er sich zurückhaltend: „Jetzt verkaufen wir sehr viel, was neben der Corona-Krise zum Teil auch der Jahreszeit geschuldet ist. Allerdings wird in zwei bis drei Monaten die Corona-bedingte Wirtschaftskrise bei den Kunden ankommen. Dann gehen sicher auch die Käufe zurück.“

    Auch Thomas Busch teilt die Ansicht, dass der Wunsch nach körperlicher Aktivität Anlass für den Kauf ist. „Fitnessstudios, Sportplätze und Schwimmbäder sind geschlossen. Was bleibt da noch?“

    Was mich für den Radentscheid interessiert: Werden denn die Fahrräder und e-Bikes auch gefahren? Hierzu kann Thomas Busch mir konkret antworten: „80 Prozent der Fahrzeuge, die wir verkaufen, werden intensivst genutzt. Das sehen wir an den Kilometerzahlen, wenn sie zur Inspektion zurückkommen. Oder die Kunden kommen nach einiger Zeit und fragen nach besseren Sätteln, weil der Hintern….“

    Johannes Roth verkauft in seinem Laden Klingeling Gebrauchträder

    Das bekommt auch Johannes Roth zu spüren, der den beliebten Gebrauchtfahrradladen „Klingeling“ in der Franziskanerstraße nah bei der Universität führt. „Kommen Sie bitte nächste Woche wieder,“ enttäuscht er einen älteren Herrn, der ihm sein Rad mit einem knarzendem Tretlager vorführt. “ Heute werde ich noch Überstunden machen müssen, um alle schon zugesagten Reparaturtermine zu erfüllen“

    Verschleiß ist ein zuverlässiger Indikator für den Grad der Fahrradnutzung. Und natürlich teilt Johannes Roth die Erfahrungen von Cathérine Feld und Thomas Busch. Da er mit gebrauchten Rädern eine weniger kaufkräftige Kundschaft anspricht, spürt er den Boom eher in diesem Bereich.

  • „Weil mein Mann ein leidenschaftlicher Radfahrer war“

    „Weil mein Mann ein leidenschaftlicher Radfahrer war“

    Ich unterstütze den Radentscheid, weil mein Mann ein leidenschaftlicher Radfahrer war. Mit 46 Jahren ist er im Frühjahr 2019 auf einer längeren Rennradtour von einem Auto von hinten überfahren worden – mein Mann, der jahrelang bei jedem Wind und Wetter mit dem Fahrrad zu seiner Arbeitsstelle von Bonn nach Brühl gependelt ist, der unzählige Rennradtouren mit Vereins- und nicht-Vereinsfreunden genossen hat, der hunderte MTB-Touren durchs Siebengebirge und weiter gefahren ist und fast alles in der Stadt mit dem Fahrrad erledigt hat.

    Frank Mödinger mit dem Rennrad am Rhein

    Er war tief davon überzeugt, dass Veränderungen und Verbesserungen der Radstrukturen in Bonn und zwischen Bonn und Köln nicht nur notwendig, sondern auch möglich sind. Daher hat er sich immer aktiver bei den wachsenden Bewegungen vieler Radpendler, Stadtradler und Radsportler engagiert. Er erlebte mit Begeisterung, wie immer mehr Menschen an den monatlichen Critical-Mass-Ausfahrten durch die Stadt teilgenommen haben und war sofort dabei, aktiv Unterschriften für die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad im 2018 und Anfang 2019 zu sammeln. Somit wurden (und werden) Forderungen auf Kommunal- und Länderebenen immer deutlicher und konkreter!

    Die Position meines Mannes ist auch genau meine Position: Durch Radfahren tun wir so viel richtig Gutes für unsere Gesundheit und für unser Klima. Die Initiative des Radentscheids – die Forderung nach umfassendere Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden – war ebenfalls schon lange ein besonders starkes persönliches Anliegen meines Mannes. So manche brenzlige Situation, die er auf den Straßen auf dem Weg zur Arbeit erlebt hatte, hat ihn vor ein paar Jahren dazu bewegt, ein Gravelbike anzulegen, damit er auf Feld(um-)wege ausweichen konnte. Wir (mein Mann, unsere älteste Tochter und ich) waren auch dabei, als im Jahre 2013 eine Schweigeausfahrt zum Ghostbike am Verteilerkreis in der Nähe des Bonner Bogens gemacht wurde.

    Somit steht meine Unterstützung der Initiative Radentscheid heute auch in seinem Namen: Frank Mödinger.

  • Die Zeit ist reif: Nextbike unterstützt den Radentscheid Bonn

    Die Zeit ist reif: Nextbike unterstützt den Radentscheid Bonn

    In Bezug auf die Nutzungszahlen hebt sich Bonn deutlich von weiteren erfolgreichen Fahrradvermietsystemen in anderen Städten ab. Wir selbst waren überrascht von der grandiosen Annahme unserer Fahrräder durch die Bonner Bürger:innen und Besucher:innen der Stadt.

    Seit Jahren schon verzeichnen wir einen ungebrochenen Andrang auf unsere Fahrräder, der mit den ständig steigenden Radverkehrsanteilen am Gesamtverkehrsaufkommen in urbanen Räumen korreliert. Die Ausleihzahlen unserer Systeme ergaben in den letzten drei Jahren Rekordwerte, die jedes Jahr wieder übertroffen wurden.

    Daraus ergibt sich ein ureigenes Interesse an sicherer und gut ausgebauter Infrastruktur für unsere Nutzer und Nutzerinnen. Das ist der Hauptgrund, warum wir die Bürgerinitiative Radentscheid Bonn unterstützen. Wir merken: Die Zeit ist reif. Das Fenster der Möglichkeiten war noch nie so weit geöffnet. Lasst uns die Chancen nun nutzen und Versäumnisse in der Verkehrspolitik der letzten 60 Jahre korrigieren. Mehr Platz und Sicherheit für Radfahrende bedeutet auch mehr Lebensqualität in der Stadt.

    Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass die Lösung unserer Verkehrsprobleme vor allem durch die Verlagerung vieler Autofahrten auf das Rad und den ÖPNV gelingen kann. Das wiederum kommt unseren Servicefahrer:innen zugute, die tagtäglich Fahrräder einsammeln und umverteilen. Jedes Auto weniger auf der Straße bedeutet weniger Zeitverlust durch die Gefahr von Stau oder zähfließendem Verkehr.

    Wie wir feststellen ist es in Bonn besonders schwer für unseren Service effizient und schnell Fahrräder einzusammeln, da die Verkehrsbelastung in dieser Stadt überdurchschnittlich hoch ist. Die Zeitverzögerung bei den Servicefahrten ist für uns ein direkter Kostenfaktor, den es zu verringern gilt. Daher setzen wir nun auch vermehrt auf den Einsatz von Lastenfahrrädern im Service. Und darauf, dass der Radentscheid ein Erfolg wird!

    Zum Schluss noch eine persönliche Note: Ich selbst wohne und arbeite in Bonn und fühle mich in dieser Stadt sehr wohl. Sie ist mir mit all ihren Gesichtern ans Herz gewachsen. Und gerade weil ich Bonn mag, wünsche ich mir einen erfolgreichen Radentscheid. Damit Bonn noch etwas besser wird. Für alle.

    Dennis Steinsiek, Head of Business Development bei nextbike
  • „Keine klare Verkehrsführung“

    „Keine klare Verkehrsführung“

    Interview mit Jörg Röhrig, Geschäftsführer des Radladens Hoenig & Röhrig

    Jörg Röhrig in der Werkstatt seines Radladens

    Herr Röhrig, warum ist das Fahrrad die Lösung für die urbane Mobilität im 21. Jahrhundert?

    Ich glaube das Fahrrad ist die Lösung für ganz viele Probleme. Es ist vergleichsweise schnell, ökologisch und leise, spart dabei Ressourcen, Platz und Nerven. Kurzum: Das Fahrrad ist einfach super. Ich radele jeden Tag von Vilich-Müldorf zu meinem Laden in Bonn-Beuel. Wenn ich da auf der Brücke über die Autobahn fahre, gucke ich runter in den Stau. Die stehen da jeden Morgen. Wenn ich doch mal mit dem Auto fahren muss, zum Beispiel um Räder zu transportieren, bin ich genervt. Früher, als ich noch in Lengsdorf gewohnt habe und einmal quer durch die ganze Stadt musste, war das die reinste Katastrophe.

    Was muss sich ändern in Bonn? Immerhin hatte die Stadt sich dereinst auf die Fahnen geschrieben, Fahrradhauptstadt 2020 werden zu wollen.

    2020 haben wir ja jetzt. Aber in den 20 Jahren, die ich jetzt in Bonn bin, hat sich nur sehr wenig getan. Das ist echt erschreckend. Es gibt so viele Planungsfehler. Radwege, die einfach aufhören, Passagen, wo man plötzlich absteigen oder einen Umweg fahren muss, Hindernisse wie nicht abgesenkte Bordsteine, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Es gibt einfach keine klare Verkehrsführung für Fahrräder, keine vernünftigen, durchgängigen Routen. Mein Weg von Zuhause zum Laden ist zum Beispiel reinstes Stückwerk. Eigentlich sehe ich immer wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin die schlechte Infrastruktur.

    Wenn Sie das jetzt seit 20 Jahren verfolgen, schwingt da dann irgendwann auch Frust mit?

    Ein bisschen vielleicht. Am Anfang war es ja auch gar nicht so schlecht. Ich komme aus Aachen. Als ich da weg bin, war da alles viel schlechter als hier. Da gab es quasi gar keine Radwege. Aber seitdem hat sich eben auch in Bonn gefühlt fast nichts getan. Irgendwie gewöhnt man sich dran, aber wenn man darauf achtet, fällt das schon stark auf. Ich bekomme zum Beispiel jedes Mal die Krise, wenn ich mit dem Rad über den Bertha-von-Suttner-Platz fahren muss. Der Stadtplaner, der sich die Verkehrsführung ausgedacht hat …

    Sie sind schon von Berufs wegen recht aktiv in der Szene, zum Beispiel am letzten Freitag im Monat bei der Critical Mass. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Stimmung in der Gesellschaft in den letzten Jahren Richtung Fahrrad dreht?

    Ehrlich gesagt bin ich da gar nicht so sicher. Es wurde schon immer viel Rad gefahren in Bonn. Wenn heute mehr Radfahrer unterwegs sind, dann wohl vor allem, weil mehr Leute in Bonn wohnen als vor 20 Jahren. Aber es sind auch definitiv mehr Autofahrer unterwegs. Die Stadt wird nicht größer, sondern einfach nur enger. Allerdings habe ich schon das Gefühl, dass die Radfahrer sich heute besser organisieren. Und sie nehmen es nicht mehr einfach hin, dass sich die Situation nicht verbessert. Es gibt mehr Menschen, die sich kritisch äußern und die das Thema Fahrrad nach vorne bringen wollen. Das beweist ja nicht zuletzt die Bewegung um den Radentscheid Bonn.