Ich treffe Myriam an der Adenauerallee am Stadtgarten. Meine erste Frage ist die nach ihrer Verbindung zum ADFC und den Klagenden. Sie erzählt mir, dass sie unsere Petition unterschrieben hat, aber mehr als nur das tun wollte. Daher hat sie sich per Mail bei uns gemeldet und Kontakt zu den anderen Klagenden bekommen. Und dann erzählt sie mir ihre Betroffenheit und ihre Geschichte und ich bin schwer beeindruckt.

Onkologische Praxis auf der Adenauerallee
Myriam bekam 2015 Brustkrebs, seit 2024 ist ihre Erkrankung chronisch geworden. Sie spricht sehr offen über ihre Krankheit. Aber sie macht trotzdem einen sehr positiven und lebensfrohen Eindruck. Die Krankheit ist eine Realität und verlangt ihr und ihrer Familie einiges ab. Aber sie will leben, und das merkt man ihr an. Also muss sie lebenslang Chemotherapie in mehreren Zyklen bekommen, muss zu Blutentnahmen und braucht regelmäßige Betreuung durch eine Fachpraxis. Es gibt nicht viele Praxen in Bonn, die ihr das ambulant ermöglichen können. Der Venusberg ist ihr zu weit. Daher ist für sie die spezialisierte Praxis auf der Adenauerallee die ideale Lösung. Es gibt Phasen, da muss sie bis zu fünf Mal die Woche dorthin. Einen Taxischein gibt es nur einmal die Woche für die Chemo. Also fährt sie mit ihrem E-Bike in die Adenauerallee. Das geht meistens auch dann noch, wenn sie von der Chemo schwer gebeutelt ist. Ihr Arzt trägt das mit.
„Die Sperrung hat mich persönlich total betroffen”
Myriam hat einen Kindersitz auf ihrem Fahrrad. Es ist ihr hauptsächliches Verkehrsmittel und wahrscheinlich nicht ganz untypisch für Menschen, die in der Nordstadt leben. Es bietet sich dort einfach an. Als Myriam erfahren hat, dass der Teil der Adenauerallee, auf dem die Praxis liegt, für den Radverkehr gesperrt werden soll, betrifft sie das hart. „Ich war erst mal total fertig, weil ich nicht mehr wusste, wie ich zu meinem Arzt kommen soll. Ich habe geheult bei dieser Nachricht.“ erzählt sie mir. Und ich ahne, wie mühsam es ist, sich ein Leben mit zwei kleinen Kindern bei einer solchen Krankheit zu organisieren. Wie fragil diese Organisation ist, und welche Probleme eine wegfallende Mobilitätsoption im Alltag machen kann. Eine Entscheidung, die auf Grund politischer Abwägungen getroffen wurde, kann einzelne Personen hart treffen.
Myriam hat kein Verständnis dafür, warum dieser Straßenabschnitt für den Radverkehr gesperrt werden muss. Es gibt kaum einen Mehrwert für den Autoverkehr. Jahrzehnte sind hier schon Menschen mit dem Rad unterwegs gewesen. Außerdem findet man in Bonn viele Hauptstraßen ohne Fahrradschutzstreifen. Sie sieht keinen nachvollziehbaren Grund, ausgerechnet hier Radfahrende auszusperren. Daher hat sie sich entschieden, gegen diese Anordnung zu klagen.


Es gibt keine alternativen Wege
Gemeinsam versuchen wir mit dem Rad zur Praxis zu kommen. Ungünstigerweise ist sie auf der zum Rhein liegenden Seite der Adenauerallee, so dass auch ein Zuweg über eine Seitenstraße von der Kaiserstraße aus nicht zur Verfügung steht. Also fahren wir am Rheinufer bis zur Treppe, die zur Tempelstraße führt. Sie hat zwar eingelassene Streifen, auf denen man einen Kinderwagen hochschieben können soll, aber Myriams Rad ist schwer. Bei den Nebenwirkungen ihrer Therapie ist das für sie nicht machbar. Das kann niemand ernsthaft als Alternative für Radfahrer*innen einplanen.
Also geht es nur illegal. Myriam möchte sich eigentlich an die Regeln halten. Momentan ist die Beschilderung noch nicht vollständig und man darf noch mit dem Rad von der Arndtstraße in die Adenauerallee einbiegen. Dann muss man auf kurzem Weg über die beiden Spuren wechseln, um links in die Tempelstraße abbiegen zu können. Den restlichen Weg muss sie dann schiebend zurücklegen. Das ist insgesamt gefährlich und funktioniert für den Rückweg sowieso nicht. Zudem vermutet sie, dass bald schon die restlichen Sperrschilder aufgehängt werden.
Als wir vor der Praxis stehen, fällt mir die gesonderte Beschilderung für Radfahrer*innen auf. Myriam erzählt, dass es im Hof extra Abstellplätze für Räder gibt und dass die ganze Praxis sehr radfreundlich ist. Auch andere Patientinnen hätten gerade überlegt, sich ein Rad anzuschaffen, weil es oft so schwierig ist, mit dem Auto zur Praxis zu kommen. Durch die unverständliche Sperrung der Straße gehe es jetzt mit dem Rad aber auch nicht mehr.

„Ich würde Herrn Déus empfehlen, selbst mal zwei Wochen alle Wege durch Bonn auf dem Rad zurückzulegen.”
Ich frage Myriam, was sie unserem Oberbürgermeister, Guido Déus, sagen würde. „Ich würde ihm empfehlen, selbst mal zwei Wochen alle Wege durch Bonn auf dem Rad zurückzulegen. Anders wird er nicht verstehen, was seine Entscheidungen für den Radverkehr bedeuten.” Und dann sprechen wir weiter über die geänderte Verkehrssituation seit der Brückensperrung. Myriam begrüßt explizit das schnelle Handeln der Stadt, um auf die Situation zu reagieren. Aber leider sind die Maßnahmen oft einseitig und nicht hilfreich. In der Zwischenzeit vermeidet sie die Kölnstraße und den Bertha-von-Suttnerplatz, weil sie durch den stark gestiegenen Autoverkehr zu gefährlich und kaum mehr mit dem Rad nutzbar seien. Zugestellte Radschutzstreifen und Kreuzungen gehören jetzt zum Alltag. Daher nimmt sie eher den Umweg über die Ringe und entlang des Rheins in Kauf. Bei ihren Erzählungen wünsche ich mir, dass Herr Déus verstehen möge, welche Kompromisse von den Radfahrenden schon gemacht werden müssen, auch ohne dass man Radspuren wegnimmt. Vielleicht würde er merken, wie unzutreffend seine Argumentation manchmal ist.
Mobilität ist keine parteipolitische Frage
Myriam muss zur Blutabnahme und wir verabschieden uns auf der Adenauerallee. Ich bin beeindruckt und nachdenklich. Beeindruckt davon, was es bedeutet eine heftige Brustkrebserkrankung als Lebensrealität zu akzeptieren, darum herum einen Alltag mit einer Familie mit zwei kleinen Kindern zu organisieren und dabei so positiv und lebensbejahend zu bleiben. Und nachdenklich darüber, wie allgemein wir oft über Verkehr und Mobilität sprechen, aber wie existenziell wichtig das im Einzelfall sein kann. Mobilität sollte kein Thema für parteipolitische Profilierung sein, sondern ein Gut, dass man vorsichtig und durchdacht weiterentwickelt. Und ich mag die Argumente nicht mehr hören, dass das Auto für Menschen mit Einschränkungen so viel wichtiger ist, und der Radverkehr daher zurückstehen muss. Es kann nämlich auch gerade andersherum sein.









