Schlagwort: Verkehrswende

  • 2023 – ein Rückblick aus Radentscheid-Sicht

    2023 – ein Rückblick aus Radentscheid-Sicht

    Januar

    Uni trifft City: Die Stadtverwaltung legt die Planungsvarianten für den Bereich zwischen Universität und Innenstadt auf Rathausgasse, Am Hof und Wesselstraße vor. Der Radentscheid spricht sich klar für einen Radweg aus, der vom motorisierten Verkehr sowie vom Fußverkehr getrennt verläuft.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/vorfahrt-fuer-den-umweltverbund-vor-der-uni/

    Februar

    Die Schüler*innen der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel haben den CarFreiTag ins Leben gerufen. Ab diesem Jahr unterstützen wir sie dabei, diesen autofreien Tag für ganz Bonn bekannt zu machen und die Idee weiterzutragen. Einmal im Monat das Auto stehen lassen schafft jede*r – der CarFreiTag soll Motivationshilfe sein für diejenigen, die sonst kaum oder gar keine anderen Verkehrsmittel nutzen als das Auto.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/carfreitag-eine-coole-idee-der-igs-beuel-fuer-ganz-bonn/

    März

    Die Umgestaltung des Rheinufers beginnt. Der neue Fahrradstraßen-Standard kommt zur Anwendung, mit breiten roten Streifen links und rechts am Fahrbahnrand und sehr großem Fahrrad-Emblem mittig. So bleibt allen Nutzenden der Straße in Erinnerung, dass in dieser Straße Vorrang für Radfahrende gilt. Im nächsten Jahr wird es mit der Umgestaltung des Rheinufers weitergehen.

    Klimaplan

    Die Stadt Bonn legt einen Plan vor, wie Bonn klimaneutral bis zum Jahr 2035 werden kann. Wir werten ihn unter besonderer Berücksichtigung des Bereichs Mobilität und Verkehr aus, in dem es das zweitgrößte Reduktionspotenzial gibt. Der Klimaplan enthält viele Maßnahmen, die aus Sicht von Radfahrenden und Fußgänger*innen positiv zu werten sind. Aber wie auch schon im Transparenzbericht deutlich wurde kommt es auf die Umsetzung an.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/klimaplan-fuer-bonn-was-bedeutet-das-fuer-die-buergerinnen/

    April

    Die politische Entscheidung zur Umgestaltung des Bereichs zwischen Uni-Hauptgebäude und Innenstadt ist gefallen. Wir bedauern, dass ein getrennter Radweg zukünftig nicht vorgesehen ist, stattdessen wird es einen sogenannten shared space geben, also einen Straßenraum, in dem sich Menschen zu Fuß und auf dem Rad den Raum mit dem motorisierte Individual- und Busverkehr gleichberechtigt teilen sollen. Wir haben große Zweifel daran, dass dies zur Sicherheit der verletzlichsten Verkehrsteilnehmen beitragen und die Attraktivität von Fuß- und Radverkehr steigern wird.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/warum-wir-mit-dieser-politischen-entscheidung-nicht-zufrieden-sein-koennen/

    Mai

    Zwei Jahre nach dem Beschluss des Bonner Stadtrats, den Radentscheid umzusetzen, legt die Stadt den ersten Transparenzbericht vor. Hierin wird deutlich, dass die Umsetzung den Zielen hinterherhinkt. Aber es gibt auch Lichtblicke, insbesondere die Planung der Fahrradstraßen macht uns Hoffnung. Diese sollen noch im Laufe des Jahres 2023 markiert werden. Das wird uns in diesem Jahr noch beschäftigen. Als ein großes Problem sehen wir die lange Dauer der städtischen Planungsprozesse – auch dazu später mehr.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/der-transparenzbericht-zum-radentscheid/

    Fahrradstraßen

    Die Diskussion um die Fahrradstraßen ist im vollen Gange. Der Vorschlag zur Neuaufteilung des Straßenraums in den 44 Straßen sorgt bei einigen Anwohnenden für Empörung. Klar ist: etwa 70% der Parkflächen im öffentlichen Raum bleiben erhalten. Die parkenden Autos beeinträchtigten aktuell nicht nur Radfahrende, sondern auch Fußgänger*innen. Deren Situation zu verbessern, ist uns ein besonderes Anliegen, denn mehr Platz für den Radverkehr darf niemals zulasten von Menschen zu Fuß gehen.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/warum-bonn-bessere-fahrradstrassen-braucht/

    Juni

    Die Urlaubszeit beginnt. Auch Radentscheid-Aktive sind in Europa unterwegs und lassen uns teilhaben an den guten Erfahrungen aus kleinen und großen Städten. Was sich manche für Bonn vielleicht noch schwer vorstellen können, ist anderswo schon Realität. Diese inspirierenden Beispiele zeigen, was möglich ist. Wir empfehlen sie daher als Impulsgeber für 2024.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/einbahnstrasse-wie-in-san-sebastian/

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/gute-radinfrastruktur-direkt-hinter-der-grenze-in-maastricht/

    Juli

    Die Verkehrsführung auf der Adenauerallee ist für Radfahrende alles andere als sicher. Trotzdem fahren hier täglich mehr als 2.000 Menschen mit dem Fahrrad. Der Bedarf für eine sichere Infrastruktur ist da. Mit einem Pop-up-Radweg machen wir für die Dauer von 2 Stunden vor, wie es gehen kann. Spoiler: es gab keinen Stau.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/ein-radweg-fuer-zwei-stunden/

    August

    Unser erstes Ziel ist ein durchgängiges, sicheres Radwegenetz für Bonn, damit Radfahrende durch die Stadt fahren können, ohne dass der Radweg im Nirgendwo endet. Im August stellen wir den Stand der Planung vor und bieten über ein Kartentool eine nutzerfreundliche Ansicht für den Verlauf von Pendlerrouten, Hauptrouten und Basisnetz.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/das-neue-radwegenetz-einblick-in-den-stand-der-planung/

    September

    Das Aktionsformat der Kidical Mass ist beliebter als je zuvor. Immer mehr Familien mit ihren Kindern kommen zu den Kidical Mass-Veranstaltungen, wenn wir bunt, fröhlich und laut auf abgesicherter Route durch Bonn radeln. Was für ein beeindruckendes Erlebnis für die Kinder, die große Hauptverkehrsstraßen sonst nur voller lärmender Autos kennen. Auch im nächsten Jahr geht die Kidical Mass wieder an den Start, Termine kündigen wir an unter: https://www.radentscheid-bonn.de/kidical-mass/

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/zum-5-mal-in-einem-jahr-kidical-mass/

    Beim Mobilitätstag auf dem Bonner Münsterplatz machen viele Besucher*innen begeistert bei unserer Kamelle-Statistik mit. Die Aufgabe: Bonbons (Kamelle) in unserer Tabelle so platzieren, wie es dem eigenen Mobilitätsverhalten entspricht. Im Ergebnis landet das Auto ziemlich weit hinten.

    Oktober

    Am Herman-Wandersleb-Ring ist die provisorische gelbe Markierung durch eine dauerhafte weiße ersetzt worden. Hierdurch soll Klarheit über die Verkehrsführung geschaffen werden. Noch ist die Umweltspur hier ein Verkehrsversuch.

    Auch diese recht einfache Maßnahme verzögerte sich um mehrere Monate. Sie war ursprünglich für „nach den Sommerferien“ (laut GA-Bericht vom 26.5.2023) geplant, ausgeführt wurde die Markierung erst im Oktober.

    Besonders frustrierend ist, dass das Oktoberwetter offenbar gut genug war, um die Umweltspur am Ring neu zu markieren, aber zu schlecht, um die Umsetzung der 43 neuen Fahrradstraßen noch in diesem Jahr abzuschließen. Deren Markierung ist nun auf das Jahr 2024 verschoben.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/frust-ueber-fahrradstrassen/

    November

    Die Baustelle am Endenicher Ei ist eingerichtet, für mindestens vier Jahre. Niemand mag Baustellen, natürlich, aber Menschen zu Fuß und auf dem Rad haben es an dieser Baustelle besonders schwer. Der motorisierte Verkehr bekommt drei Spuren, aber gerade diejenigen Verkehrsteilnehmenden, die sich aus eigener Kraft fortbewegen, müssen die längsten Umwege in Kauf nehmen. Die Durchfahrt auf der Fahrbahn gemeinsam mit Pkws ist laut Beschilderung verboten. Wir setzen uns weiterhin für eine veränderte Verkehrsführung ein.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/faules-ei-in-endenich/

    Dezember

    Das Fahrradparkhaus am Bahnhof Beuel ist eröffnet. Hier können knapp 100 Räder für einen Euro pro Tag sicher geparkt werden. In Kürze sollen weitere Parkhäuser gleicher Bauart am Stiftsplatz und Frankenbadplatz entstehen. Damit kommen wir unserem Ziel von jährlich 3.000 neuen Abstellplätzen für Fahrrädern zumindest ein kleines bisschen näher.

    Beschluss zum Radnetz

    Endlich! Andere mögen in der Weihnachtszeit auf den Nikolaus oder das Christkind warten, wir warten auf den Beschluss zum Radnetz. Seit Mitte Dezember liegt er vor und bietet eine Grundlage für die Stadtverwaltung bei der Planung der Radentscheid-Umsetzung. Während der langen Wartezeit waren auch wir nicht untätig und haben mit einer eigenen Arbeitsgruppe Empfehlungen erarbeitet. an welchen Routen priorisiert Verbesserungen vorgenommen werden sollten.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/radnetz-umsetzungsvorschlaege/

    Auf ins neue Jahr 2024!

    Es war ein Jahr mit Licht und Schatten. Mit dem Umsetzungsstand sind wir nicht zufrieden, insbesondere mit dem langen Vorlauf zwischen Planung und Umsetzung. Aber wir merken, dass sich in Bonn etwas bewegt. Über Mobilität und Verkehr wird mehr diskutiert denn je, was wir ausdrücklich begrüßen. Auch Bonn ist eine Stadt, in der jahrzehntelang das Auto im Fokus stand. Die Abkehr von einem autozentrierten Planungsideal ist mühsam und erfordert einen intensiven Diskussionsprozess. Wir freuen uns darauf, diesen weiterhin mitzugestalten.

    Im nächsten Jahr gibt es viel zu tun. Wir freuen uns auf die Umsetzung wegweisender Projekte, wie die Markierung der Fahrradstraßen, den Verkehrsversuch an der Adenauerallee oder die Umsetzung des Parkraumkonzepts Nordstadt. Außerdem arbeiten wir weiter an regelmäßigen Aktionen wie Kidical Mass und CarFreiTag.

    Habt ihr Interesse, mitzumachen und Mobililtät in Bonn zu gestalten? Meldet euch gerne unter kontakt@radentscheid-bonn.de oder schreibt uns auf Instagram, Facebook, Mastodon, Bluesky oder Twitter.

    https://www.radentscheid-bonn.de/blog/radentscheide-in-aachen-und-bonn-wie-geht-es-mit-der-umsetzung-voran/
  • Warum Wirtschaft, Handel und Handwerk vom Mobilitätswandel profitieren und wie ihre Verbände sie dabei unterstützen können

    Warum Wirtschaft, Handel und Handwerk vom Mobilitätswandel profitieren und wie ihre Verbände sie dabei unterstützen können

    Wer behauptet, die Mobilitätswende wäre für Stau und Parkplatznot verantwortlich, liegt nachweislich falsch. Erst die jahrzehntelange Förderung des Kfz-Verkehrs und die damit einhergehende Verdopplung der Autos in Deutschland seit den 80er Jahren sind nachgewiesenermaßen die Gründe. Oder stehen wir in Bonn erst seit dieser Ratsperiode im Stau?

    Zum Glück gibt es Auswege. Wir wollen anhand aktueller Beispiele zeigen, wie Verbände aktiv zu einer Verbesserung der Mobilität ihrer Mitglieder beitragen können. Dabei ist klar, dass sich die vorgestellten Projekte nicht für jedes Unternehmen eignen. Aber das müssen sie auch nicht. Niemand will KFZ-Verkehr oder Autos verbieten. Das haben auch wir als Radentscheid stets betont. Vielmehr hatten wir von Beginn an nicht nur den Blick auf den Radverkehr. Wir sehen auch die Bedeutung der Wirtschaftsverkehre. Dafür halten wir insbesondere die Schaffung von Lieferzonen, oder wie wir sie lieber nennen: Multifunktionszonen, für wichtig. Neben den Liefernden können diese z. B.  auch von Pflegedienste und Handwerksunternehmen verwendet werden. Daher haben wir bereits 2020 im Rahmen des ParkingDay mit einer Aktion für solche Zonen geworben.


    Dazu passt unser erstes Beispiel. Die IHK Berlin initiierte ein Pilotprojekt für die Ermittlung der Bedarfe für Lieferzonen. Die Ergebnisse stellte sie der Stadt zur Verbesserung ihrer Planungen zur Verfügung. Hier zeigt sich schön, wie eine aktive Verkehrspolitik der IHK zu konstruktiven Vorschlägen führt. Informationen zum Projekt finden Interessierte hier.

    Auch für Logistik und Einzelhandel gibt es bereits erfolgreiche Lösungen als Alternative zum Autostau. Das Kölner Unternehmen VEMO-Logistik bietet Dienstleistungen für eine nachhaltige City-Logistik an. Egal ob Transport, Zustellung oder für Micro-Hubs. Und das alles mit Lastenfahrrädern.

    Was im Bereich des Handwerks möglich ist zeigt ein Beispiel aus Stuttgart. Ein dort ansässiger Steinmetz und Steinbildhauermeister macht mit einem e-Lastenrad Besorgungen und fährt zu Besichtigungen oder Kundenterminen. Beladen ist sein Fahrzeug dann zum Beispiel mit Steinen, Materialsäcken, Holz und Werkzeug. Hier stellt die Handwerkskammer Region Stuttgart seine Erfahrungen vor.

    In der Deutschen Handwerkszeitung berichten weitere Handwerker:innen von ihren Erfahrungen mit Lastenrädern. Insbesondere die Umfahrung von Autostau wird dabei als Vorteil genannt. Und bei den Kund:innen kommt diese Form der nachhaltigen Mobilität auch ausgesprochen gut an.
    Das Beste, Lastenräder für Unternehmen werden staatlich stark gefördert. Infos gibt es z.B. beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle oder bei handwerk.com .
    Jetzt müsste nur noch jemand die Bonner Unternehmen darauf aufmerksam machen. Klassische Verbandsarbeit. Eigentlich.

    Fazit: Man sieht, fortschrittliche Verbände sind bereits erfolgreich auf dem Weg in eine klimafreundliche Mobilität. Und verfolgen damit die selben Ziele wie wir beim Radentscheid. Daher brauchen wir auch in Bonn ein Umdenken in den Verbänden, mehr Mut zur Veränderung und eigene Initiativen um ihre Mitglieder beim Mobilitätswandel aktiv zu unterstützen und zu beraten. Sollte inhaltlich Nachholbedarf bestehen, gibt es beim Deutschen Institut für Urbanistik im Oktober ein passendes Beratungsangebot.

    geschrieben von Martin W.

  • Warum eine konsequente Verkehrswende in Bonn vernünftig, von den Bonner:innen gewollt und demokratisch legitimiert ist.

    Warum eine konsequente Verkehrswende in Bonn vernünftig, von den Bonner:innen gewollt und demokratisch legitimiert ist.

    Dabei fußt der Bönnsche Mobilitätswandel auf sehr rationalen Überlegungen, wurde und wird lebhaft in der Stadtgemeinschaft, der Verwaltung und der Politik diskutiert, ist durch zahlreiche Beschlüsse mit einer breiten Mehrheit demokratisch entschieden worden und wurde als Grundsatzbeschluss auch schon lange vor der letzten Kommunalwahl noch unter ganz anderen Mehrheiten im Stadtrat beschlossen.

    Konsequente Verkehrswende ist vernünftig

    Die unabdingbare Notwendigkeit einer Verkehrswende ist inzwischen in der Breite der Gesellschaft starker Konsens. Die Gründe sind hinreichend bekannt. Da es sich bei dem Ziel der Verkehrswende, nämlich der lebenswerten, klimagerechten Stadt um ein erstrebenswertes Ziel für ganz Bonn handelt, ist es in hohem Maße vernünftig dieses Ziel schnell zu erreichen und daher konsequent und zügig an der Verkehrswende zu arbeiten. Zusätzlich drängt uns die Klimakatastrophe zu sofortigen Maßnahmen. Jedes Festklammern am Status quo ist vor diesem Hintergrund weder zur Erreichung des Ziels noch zur Vermeidung der Katastrophe eine sinnvolle Strategie.

    Trotzdem taucht in quasi jeder Diskussion um Maßnahmen, die den motorisierten Individualverkehr einschränken könnten, irgendwann der Ideologie-Vorwurf auf und auch die Kampagne „Vorfahrt Vernunft“ fordert einen „ideologiefreien Dialog“. Dabei kann bekanntermaßen ein politischer
    Diskurs, bei dem es um die zukünftige Gestaltung unserer Stadt geht, ohne Weltanschauungen und Werte, die der eigenen Idee von einer wünschenswerten Welt zugrunde liegen, gar nicht stattfinden. Verschwiegen wird auch meist, dass natürlich auch Konservatismus und Liberalismus Ideologien sind und zwar sehr verbreitete. Das konservative Bremsen von Veränderungen, einfach weil man Veränderungen im Status quo nicht mag, ist zutiefst ideologisch („Es ist eine sehr ideologische Vorstellung, sich selbst als ideologie-frei zu bezeichnen“ (krautreporter.de) ). Die unsachlichen Ideologievorwürfe sind daher sinnlos, behindern einen Dialog und spalten.

    Konsequente Verkehrswende ist von den Bonner:innen gewollt

    In der General-Anzeiger-Umfrage von Oktober 2022 („Der Große Heimatcheck“) gaben mehr als zwei Drittel der Bonner:innen an, dass sie eine Verkehrswende mit einer Reduzierung des Autoverkehrs als wichtig oder sehr wichtig ansehen.

    Das Bürgerbegehren Radentscheid Bonn wurde von über 28 000 Bonner:innen unterschrieben und fordert in seinen klar bezifferten Maßnahmen zur Rad- und Fußverkehrsförderung weitaus ambitioniertere Ziele, als die Stadt Bonn in den letzten 2,5 Jahren seit Beschluss des Radentscheids erfüllen konnte. Diese 28 000 Unterschriften haben wir gesammelt, indem wir auf die Straße gegangen und mit diesen vielen Bonner:innen ins Gespräch gekommen sind, viel diskutiert und viel Zustimmung erhalten haben. Der Radentscheid Bonn gibt gemeinsam mit dem ADFC und den vielen Klimagruppen in Bonn diesen vielen Bonner:innen, die nicht nur eine Verkehrswende, sondern eine beschleunigte Verkehrswende in Bonn wollen, eine Stimme. So haben wir bei mehreren politischen Beschlüssen in den letzten Monaten und Jahren, wie zur Ausgestaltung des Umbaus „Am Hof“ („Uni meets City“), zur Umgestaltung der Kölnstraße, sowie bei dem Beschluss zu den Fahrradstraßen auch klar Kritik an der aktuellen Politik der Ratskoalition geübt und deutlich mehr Verbesserungen für den Rad- und Fußverkehr gemäß dem Beschluss zum Radentscheid gefordert.

    Nur weil aktuell die Wirtschaftsverbände eine groß angelegte Kampagne mit Ausgaben im 6-stelligen Bereich gegen eine echte Verkehrswende fahren, heißt das also noch lange nicht, dass sie damit die Meinung einer Mehrheit vertritt. Ganz im Gegenteil: sie setzen sich für den Erhalt von Privilegien einer Minderheit gegen den Willen der meisten Bürger:innen Bonns ein. Für einen echten Dialog müssen sich die Wirtschaftsverbände ehrlich machen und klar aufzeigen, dass sie ihre Eigeninteressen vertreten und nicht die der Stadtgemeinschaft. Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass sie ihre Ablehnung einer wirklichen Verkehrswende nicht hinter „Ja zur Verkehrswende, aber …“ verstecken. Eine echte Verkehrswende und zwar ohne „aber“ ist von sehr vielen Bonner:innen gewollt, von vielen sogar noch viel konsequenter als es aktuell passiert.

    Konsequente Verkehrswende ist gewählt und demokratisch legitimiert

    Das wichtigste Thema bei der Kommunalwahl 2020 war der Bonner Verkehr. Alle Parteien positionierten sich zu diesem Thema und sowohl Grüne, SPD, Linke und Volt, als auch die CDU unterstützen im Wahlkampf das Bürgerbegehren Radentscheid Bonn. Insbesondere von den Parteien der aktuellen Ratskoalition Grüne, SPD, Linke, Volt wurde aktiv für eine konsequente Verkehrswende geworben. Niemand hat also aus Versehen die Verkehrswende gewählt. Der Mobilitätswandel hat eine demokratisch legitimierte Mehrheit im Stadtrat.

    Der Radentscheid, mit seinen Forderungen für eine sehr konsequente Verkehrswende durch Verbesserungen für den Fuß- und Radverkehr, wurde im Februar 2021 im Hauptausschuss mit den Stimmen von CDU, Grüne, SPD, Linke, Volt mit großer Mehrheit von über 80% beschlossen. Der Radentscheid Bonn ist als Mittel der direkten Demokratie das bezogen auf die Anzahl der Unterschriften erfolgreichste Bürgerbegehren in Bonn. Auch der beschlossene Klimaplan der Stadt Bonn fordert eine sehr konsequente Verkehrswende und ganz konkret die Umsetzung der Ziele des Radentscheids. Der Versuch der Kampagne diese im demokratischen Prozess erarbeiteten Beschlüsse zu delegitimieren, indem man sie als „undurchdacht“, „ohne Dialog“ und „ideologisch“ darstellt, ist plumper Populismus und wird in einer so politischen Stadt wie Bonn nicht erfolgreich sein.

    Diskussion um Verkehrswende Bonn

    Immer wieder wird der Vorwurf geäußert, dass die Bürger:innen an der Verkehrswende nicht beteiligt und nicht „mitgenommen“ werden. Schauen wir uns aber die Stabsstelle Bürgerbeteiligung der Stadt Bonn an, zeigt sich dort eine deutliche Aufwertung des Anliegens der Bürgerbeteiligung durch deutliche personelle Aufstockung, niederschwellige Beteiligungsformate und Flankierung aller großen Verkehrswende-Projekte mit Methoden der Bürgerbeteiligung (siehe „Bönnsche Viertel“, „Bonn for Future“ „Rheinufer“ „Friedrich-Breuer-Straße“ …). Auch wenn Kritik an der Kommunikation der Stadt Bonn berechtigt sein mag, die Stadt Bonn kann durchaus für sich in Anspruch nehmen, dass es noch nie soviel Bürgerbeteiligung und so viele Maßnahmen zur „Mitnahme“ der Bürger:innen gab, wie aktuell.

    Konsequente Bönnsche Verkehrswende ist also in keiner Weise eine Politik über die Köpfe der Bürger:innen hinweg, sondern von den Köpfen der Bürgerinnen so gewählt und gefordert und wird mit der Partizipation der Bürger:innen gestaltet.

    geschrieben von Dominik

  • Zum 5. Mal in einem Jahr „Kidical Mass“

    Zum 5. Mal in einem Jahr „Kidical Mass“

    Am 23. September war es wieder so weit: am Hofgarten in Bonn versammelten sich zahlreiche Menschen, zur Kinder-Fahrraddemo. Zuerst bastelten wir mit den Kindern Schilder mit ihren Wünschen an Mobilität und fuhren danach mit Ihnen durch die Altstadt, über den Rhein und durch Beuel. Bei bestem Wetter klang der Nachmittag anschließend auf einer Wiese neben einem Spielplatz aus.

    In diesem Jahr gab es fünf Kidical Mass-Veranstaltungen in Bonn. Wir radelten mit euch durch viele Bonner Stadtviertel und erlebten sowohl Samba-Trommeln als auch Plakate basteln vorweg. Als Teil der weltweiten Kidical Mass-Bewegung nahmen wir an beiden Aktionswochenenden im Mai und September teil. Jeweils waren wir Teil von über 400 weltweiten Kinder-Fahrraddemos. In Bonn bewegten wir in diesem Jahr über 1.000 Personen umweltfreundlich. Viel wichtiger aber sind die lachenden Kindergesichter, wenn sie endlich sicher und mit ausreichend Platz durch „ihre Straßen“ fahren können.

  • Hassen Verkehrswende-Befürworter Autos?

    Hassen Verkehrswende-Befürworter Autos?

    Die aktuelle Bonner Verkehrspolitik wird von manchen als Bevorzugung des Radverkehrs gesehen. Dies geht so weit, dass sogar “Autohass” vorgeworfen wird. Dabei geht es lediglich um den Abbau von Privilegien und eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raumes. Mit Hass hat das nichts zu tun.

    Kürzlich wurde ich auf Social Media als “Autohasser” bezeichnet. Was war geschehen? Nachdem ein Taxifahrer sich in der Lokalzeitung über ein Knöllchen wegen Falschparken beschweren durfte, schlug ich die Einrichtung von Lieferzonen in jeder Straße vor, die auch von Taxen genutzt werden könnten. Dabei wies ich darauf hin, dass dies am einfachsten ginge, indem man in jeder Straße zwei bis drei bestehende Parkplätze zu einer Lieferzone umwandelt. Das reichte aus, damit mich jemand als “Autohasser” bezeichnete.

    Verschiedene Sichtweisen: Fahrrad, zu Fuß, ÖPNV, Auto

    Ich hasse keine Autos. Ich besitze zwar selbst keins, da es sich für mich finanziell einfach nicht lohnt. Trotzdem fahre ich doch mindestens einmal pro Monat per Carsharing Auto und bin dann auch recht froh darüber, dass es Autos gibt. Z.B. für Besuche von Freunden irgendwo im Siebengebirge, für die Fahrt zu einer Hochzeit irgendwo in der Eifel oder einfach nur, weil ich im Baumarkt viel Zeug für den Garten besorgen möchte. Es gibt eine Reihe Anwendungsfälle für mich, für die Autos eine gute Lösung sind.

    Was mich von dem Menschen, der mich als “Autohasser” bezeichnet hat, offensichtlich unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich neben der Autofahrerbrille auch immer wieder die Radfahrer-, die Fußgänger- und die ÖPNV-Nutzer-Brille trage, wenn ich mich durch unsere Stadt bewege. Nimmt man diese unterschiedlichen Perspektiven regelmäßig ein, wird man schnell feststellen, dass der Raum in unseren Straßen sehr einseitig zugunsten des Autos verteilt ist. Und das führt zu Gedanken, ob das so richtig ist.

    Beispiel Drususstraße

    Ich möchte dies am Beispiel einer Bonner Straße verdeutlichen: der Drususstraße in Castell, einer eher ruhigen Anwohnerstraße ohne Durchgangsverkehr. Schauen wir uns zwei Fotos der Straße an:

    Um diese Fotos einordnen zu können sollten wir uns ansehen, welche Bedarfe an eine solche Straße typischerweise gestellt werden:

    • Menschen, die mit dem Auto fahren, möchten dort durchfahren können.
    • Menschen, die zu Fuß gehen, möchten die Straße entlang gehen können. Dies betrifft auch Menschen mit Kinderwagen, Menschen mit Einkaufstrolleys oder mobilitätseingeschränkte Personen mit Rollator oder Rollstuhl.
    • Radfahrende Menschen möchten durch die Straße fahren können.
    • Menschen, die ein Auto, aber keinen privaten Stellplatz besitzen, möchten dieses parken. Gleiches gilt für Firmenfahrzeuge in der Straße ansässiger Unternehmen.
    • Menschen, die ein Fahrrad, aber keinen privaten Stellplatz besitzen, möchten dieses parken. Gleiches gilt für Räder in der Straße ansässiger Unternehmen.
    • Handwerker sowie Lieferdienste möchten ihre Fahrzeuge kurzzeitig in der Nähe ihrer Kunden abstellen (Lieferzonen).
    • Anwohner*innen möchten, dass ihre Kinder draußen, und damit auch im Bereich der Straße, sicher spielen können. Dazu möchten Anwohnende u.a., dass Autos nicht zu schnell fahren.
    • Polizei, Rettungswagen und insbesondere Feuerwehr möchten ausreichend Platz, um im Notfall die Straße passieren zu können.
    • Um sich an den Klimawandel anzupassen, möchte die Stadt mehr Bäume pflanzen und Flächen entsiegeln, um dadurch der Aufheizung der Stadt entgegenzuwirken.

    Zeigen die Fotos einen guten Kompromiss?

    Nun schauen Sie sich nach der Lektüre dieser – bestimmt nicht vollständigen – Anforderungen die obigen Fotos der Drususstraße noch mal an und stellen sich die Frage, ob all diese Interessen bei der aktuellen Nutzung dieser Straße berücksichtigt werden. Diese Frage kann man nur mit “Nein” beantworten.

    In der Drususstraße ist der Gehweg auf der einen Seite durch gekipptes Autoparken so schmal, dass zufussgehende Menschen mit Kinderwagen o.ä. diesen nicht verwenden können (erstes Foto rechte Seite). Ein Queren der Straße, um ein Gebäude auf der anderen Seite zu erreichen, ist aufgrund der durchgehend beparkten Straße erschwert. Radfahrende fahren durch die beidseitig geparkten Autos und die recht schmale Fahrbahn eigentlich immer in der gefährlichen Dooring-Zone. Fahrradabstellplätze existieren im öffentlichen Raum der Straße überhaupt nicht. Auch eine Lieferzone sucht man vergeblich. Für Autoparkplätze hingegen wird sehr viel Platz eingeräumt. Im zweiten Foto sieht man sogar platzraubende Schrägparkplätze, denen offensichtlich Vorrang vor einem Radweg, Fahrradbügeln zum Abstellen von Fahrrädern gegeben wurde.

    Stadtbezirk Bonn: die Hälfte der Haushalte ohne Auto

    Wenn ich Ihnen jetzt noch sage, dass im Stadtbezirk Bonn fast die Hälfte aller Haushalte (46%) gar kein Auto besitzt, dann wirken die Fotos der Drususstraße nochmal einseitiger.

    Natürlich sind einige der genannten Interessen gegenläufig und somit nicht vollständig umsetzbar (z.B. möglichst viel Autoparkraum vs. breite Gehwege oder Parkplätze vw. Lieferzonen). Es muss ein Kompromiss gefunden werden, der möglichst viele Interessen berücksichtigt. Die Drususstraße zeigt, dass in Bonn in den letzten Jahrzehnten dieser Kompromiss nicht gesucht wurde. Straßen wurden einseitig zugunsten der Interessen der Autofahrenden gestaltet und genutzt. Andere Interessen wurden nur nachrangig oder überhaupt nicht berücksichtigt.

    Lösung: Straßenraum neu aufteilen

    Bonn möchte die Verkehrswende umsetzen. Der Anteil des Fuß- und Radverkehrs sowie des ÖPNV sollen steigen. Dafür brauchen wir passende Infrastruktur. Das sind nicht nur neue Stadtbahnlinien und Radwege durch die Rheinaue. Wir müssen auch über die Neuverteilung des bestehenden Straßenraums sprechen.

    Wie können wir den vorhandenen – und begrenzten – Straßenraum so verteilen, dass die Interessen aller berücksichtigt werden? Wenn wir diese Neuverteilung vornehmen, werden mehr Menschen auf alternative Verkehrsträger umsteigen, weil sie merken, dass diese durch ernstzunehmende Infrastruktur angenehmer für sie zu nutzen werden. 

    Weiteres Beispiel Niebuhrstraße

    Die Drususstraße habe ich als Beispiel genommen, da sie besonders negativ hervorsticht. Aber auch in vielen anderen Bonner Straßen kann man sich fragen, ob dort wirklich ein guter Kompromiss aller Interessen gefunden wurde.

    Dieses Foto zeigt die Niebuhrstraße in der Südstadt. Auch hier hat man sich für platzraubende Schrägparkplätze und gegen einen Radweg oder Fahrradbügel entschieden. Ich habe in der gesamten Niebuhrstraße keine einzige Möglichkeit zum Parken eines Fahrrades gesehen. 

    Da die Schrägparker aber anscheinend noch nicht ausreichend, hat man dann auch noch auf der anderen Seite den Gehweg auf die absolute Mindestbreite halbiert, damit noch mehr Autos parken können. Bäume oder anderes Grün sieht man hier – außer auf privaten Grundstücken – gar keine. Auch die Niebuhrstraße wird maximal einseitig für die Interessen der autofahrenden Bevölkerung genutzt.

    Beispiel Adenauerallee

    Dieses Foto zeigt die zur Zeit heiß diskutierte Adenauerallee. Auf der linken Straßenseite liegt das Beethovengymnasium. Wurden hier bei der Straßengestaltung wirklich die Interessen einer Schule in irgendeiner Form berücksichtigt? Nein. Sogar die Bushaltestelle engt den Gehweg ein – und das direkt vor der Schultür. Dieses Foto zeigt deutlich, dass die oberste Maxime bei der Gestaltung dieser Straße der Durchsatz an Autos war. Und das ist maximal einseitig. Auch wenn es sich bei Adenauerallee um eine Bundesstraße handelt, so gibt es dort trotzdem Interessen von nicht-Autofahrenden, die ebenfalls Berücksichtigung finden müssen.

    Die wirklich katastrophale Radinfrastruktur in diesem Foto lässt sich eigentlich fast gar nicht als solche bezeichnen. Der Schutzstreifen hat keinen Abstand zu den parkenden Autos, so dass Radfahrer in die Dooringzone gezwungen werden. Außerdem verleiten die zwei Autospuren dazu, dass Autofahrer auf der rechten Spur Radfahrende mit deutlich zu wenig Abstand überholen – wie ich heute beim Befahren der Straße erst wieder mehrmals erfahren musste (sonntags bei wenig Verkehr). Die Interessen der Radfahrenden wurden bei der Gestaltung der Adenauerallee ignoriert und später durch Hinzufügen des schlechten Schutzstreifens zu reparieren versucht.

    Ist es Autohass, die Interessen aller zu berücksichtigen?

    Wenn ich also fordere, Parkplätze in Lieferzonen umzuwandeln oder gekipptes Parken auf viel zu schmalen Gehwegen abzuschaffen, dann ist das kein Autohass, sondern der Wunsch nach der Berücksichtigung der Interessen aller. Natürlich fühlt sich die Reduktion von Parkplätzen aus Sicht von Menschen, die sich ausschließlich mit dem Auto fortbewegen, ungerecht und falsch an. Das liegt aber nicht daran, dass autofahrende Menschen benachteiligt werden sollen, sondern dass autofahrende Menschen bisher über sehr große Privilegien verfügten (siehe Beispiel Drususstraße), die nun in Frage gestellt werden, um einen wirklichen Kompromiss zwischen den Interessen aller zu erreichen.

    Wir werden die Ziele der Verkehrswende nicht erreichen, indem wir die aktuelle Straßeninfrastruktur so lassen, wie sie ist. Dazu nimmt sie durch jahrzehntelange Privilegierung schlicht zu viel Platz ein und lässt zu wenig Raum übrig für die anderen Verkehrsteilnehmer. Die medienwirksam und mit viel Geld gestartete Kampagne der Bonner Wirtschaftsverbände sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Wirtschaftsverbände nur ein Interessensträger unter vielen in der Frage der Gestaltung des öffentlichen Raums sind. Anwohnende, Kinder in Schulen und Kitas, die Anpassung an den Klimawandel sind nur einige weitere Interessenträger, die auch Berücksichtigung finden müssen.

    Abbau von Privilegien des Autoverkehrs

    In den Bonner Medien und Teilen der Politik und Wirtschaft wird z.Zt. eine Bevorteilung des Radverkehrs gesehen. Ich halte dies für die Folge einer schiefen Wahrnehmung. Was in Bonn gerade passiert, ist der Abbau von Privilegien autofahrender Menschen zugunsten anderer Verkehrsarten. Um in den wenigen bisher umgesetzten Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrradinfrastruktur eine einseitige Bevorzugung des Radverkehrs zu sehen, muss man schon eine sehr starke Autofahrerbrille aufsetzen.

    Parken als berechtigtes Interesse unter vielen anderen

    Nun höre ich beim Schreiben schon den Aufschrei: “Wo sollen die Leute denn dann parken?” Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich halte das Interesse von Autobesitzern, ihr Auto irgendwo abzustellen, für berechtigt. Ich sehe nur nicht ein, wieso wir als Gesellschaft dieses Interesse über alle anderen stellen sollten. In den letzten Jahrzehnten wurden Interessen wie z.B. Fahrradparken, ausreichend breite Gehwege und auch Lieferzonen für den Wirtschaftsverkehr fast vollständig ignoriert, während Autoparken überall ermöglicht wurde wo es nur irgendwie ging – auf Kosten der anderen Interessenlagen. Ja, wir sollten Autoparkplätze im öffentlichen Raum vorhalten. Aber es können nur so viele sein, so dass auch alle anderen Interessen in der Straße ihren Raum finden.

    Bauen wir unsere Stadt so um, dass der Straßenraum nicht einseitig den Interessen der Autofahrenden genügt. Dann erreichen wir auch eine Verkehrswende hin zu mehr Fuß- und Radverkehr sowie mehr ÖPNV-Nutzung. Es reicht nicht, tolle neue Stadtbahnlinien zu bauen oder den Busverkehr durch Umweltspuren zu beschleunigen, wenn der Fußweg zur Haltestelle durch Gehwegparken ein Hindernisparcour bleibt.

    geschrieben von Martin P.

  • Kann nicht einfach alles bleiben, wie es ist?

    Kann nicht einfach alles bleiben, wie es ist?

    Mobilität ist Gewohnheitssache

    Mit dem Auto zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Freizeitaktivitäten zu fahren oder die Kinder zur Schule zu bringen, ist für viele Menschen ein völlig alltäglicher Vorgang, den sie nicht hinterfragen. Nehmen wir das Beispiel Lebensmitteleinkauf. Wenn jemand bisher für das Einkaufen von Lebensmitteln ausschließlich das Auto genutzt hat, dann ist der Vorgang „Einkaufen“ so eng mit dem Verkehrsmittel Auto verbunden, dass schon der Gedanke daran, Brötchen zu holen, die Suche nach dem Autoschlüssel auslöst – selbst wenn der Bäcker nur einen dreiminütigen Fußweg entfernt liegt. Eine Gewohnheit also. Gewohnheiten machen es uns im Alltag einfach, denn wir verbringen dadurch weniger Zeit damit, Vor- und Nachteile verschiedener Optionen zu erwägen, zu bewerten und eine Entscheidung zu treffen. Es ist für uns alle nicht nur bequem, im Alltag Gewohnheiten zu haben, sondern sogar nützlich, da wir Zeit sparen und uns auf wichtige Dinge konzentrieren können.

    Warum die Verkehrswende mehr Psycholog*innen braucht

    Wenn es darum geht, das Mobilitätsverhalten zu verändern, sind Gewohnheiten allerdings ein großes Hindernis. Sie zu ändern, ist schwierig und zeitaufwändig. Es reicht nicht, einen gewohnten Vorgang ein- oder zweimal anders zu machen. Es gibt unterschiedliche Angaben dazu, wie oft eine Tätigkeit eingeübt werden muss, um zu einer Gewohnheit geworden. Forschende gehen davon aus, dass es im Durchschnitt 66 Tage dauert, eine neue Gewohnheit zu entwickeln – bei komplexen Verhaltensänderungen kann es sogar noch länger dauern (siehe zum Beispiel diese Studie https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/ejsp.674).

    Der Wille zählt

    Individuelle Mobilität zu ändern ist also eine langfristige Angelegenheit: es braucht viel Zeit, aber noch eine weitere wichtige Voraussetzung. Wer schon einmal mit dem guten Vorsatz ins neue Jahr gestartet ist, eine Sache mehr bzw. weniger oder überhaupt nicht mehr zu tun weiß, wie schwer es sein kann, ein neues Verhalten in den Alltag zu integrieren und beizubehalten. Für manchen zunächst Motivierten („Ab jetzt wird es anders“) endet der Aufbruch in ein sportlicheres, rauchfreies oder sonstwie gesünderes Leben oft schon nach kurzer Zeit. Und das, obwohl die erste und wichtigste Voraussetzung für eine Verhaltensänderung sogar vorhanden war: der Wille, etwas zu ändern.

    Das eigene Mobilitätsverhalten reflektieren

    Mit Blick auf die Verkehrswende in Bonn sind Veränderungen geplant, die viele Menschen betreffen werden. Darunter sind Änderungswillige, die vielleicht nur auf den letzten Anstoß warten, um das Fahrrad aus dem Keller zu holen und loszuradeln oder öfter kurze Wege zu Fuß zu gehen. Aber auch diejenigen werden betroffen sein, die ihr Mobilitätsverhalten nicht hinterfragen und bisher nicht bereit sind, das Auto weniger oft zu nutzen. Wenn aber der Wille zur Veränderung fehlt, ist eine Verhaltensänderung kaum möglich. Schlimmer noch, es entstehen Wut und das Gefühl, übergangen zu werden. Der Weg zu einer Erzählung, die Veränderungen im Verkehr seien nicht demokratisch beschlossen, ist da nicht weit. Vielleicht entsteht sogar Angst davor, wie es sich auf die eigene Lebenssituation auswirken wird, wenn etwa in der eigenen Straße weniger Parkplätze zur Verfügung stehen, oder der gewohnte Weg zur Arbeit bald über eine Fahrradstraße führt.

    Wer das Auto als Standardverkehrsmittel nutzt, kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie es ohne gehen kann. Haben wirklich alle, die über sich sagen „ich bin auf das Auto angewiesen“, keine Alternative? Oder geht es darum, dass das Bewusstsein über Alternativen zum eigenen Auto und Informationen darüber fehlen? Darum, dass es noch nicht probiert wurde, weil bisher keine Veranlassung dazu bestand? Dabei werden die eigenen Gewohnheiten als selbstverständlich erachtet, eine Reflektion darüber, ob sie aus einer Bevorzugung des Verkehrsmittels Auto gegenüber nachhaltigen Verkehrsmitteln entstanden sind, kann nicht stattfinden.

    Gesellschaftliche Denkprozesse anregen

    Wie können diese Menschen mitgenommen werden? (Sicher, beim letzten eingeschworenen Autofan wird es vermutlich schwer werden. Es geht auch nicht darum, jede und jeden Einzelnen zu überzeugen, aber um die Frage, wie Menschen so angesprochen werden können, dass sie sich weder bevormundet noch gezwungen fühlen). Wie ist ein gesellschaftlicher, sachlicher und konstruktiver Austausch möglich, der zu einem Nachdenken führt: über die Platzverteilung in der Stadt, die Privilegien für den motorisierten Verkehr und dessen Auswirkungen auf Luft, Gesundheit und Umwelt im Angesicht der Klimaveränderung?

    Eine Antwort darauf kann ich nicht geben, vielmehr braucht es dafür Fachleute: Psychologinnen, Sozialwissenschaftler, Kommunikationsexpertinnen, Journalisten, Influencer, die grundlegende Informationen zusammenstellen, warum die Verkehrswende wichtig für uns alle ist. Die nachhaltige Mobilitätsangebote erläutern, leicht verständlich für verschiedene Zielgruppen aufbereitet. Nur wer Alternativen zum Auto auch wirklich kennt, kann sich dafür entscheiden. Und damit ist nicht gemeint, darüber aufzuklären, dass es Fahrräder gibt, sondern wie leicht es ist, ein Mietfahrrad zu buchen, um damit auf dem zukünftigen sicheren Radroutennetz in Bonn ans Ziel zu kommen. Oder wie sich mit einer App herauszufinden lässt, von welcher Haltestelle welcher Bus wann wohin fährt, und welche einfach zu buchenden Ticketsysteme es gibt – und wenn es nicht so leicht und intuitiv ist, wie es sein sollte, dann sollten Mobilitätsanbieter mit Hilfe der Psychologinnen, Sozialwissenschaftler, Kommunikationsexpertinnen daran arbeiten, das zu ändern.

    Nein, es kann nicht so bleiben

    Was nicht helfen wird, sind Versprechungen, alles könne bleiben, wie es ist. Wer vorgaukelt, man müsse nur genügend Ausweichflächen in Form von Quartiersgaragen oder ähnlichem bauen, dann könnten alle weiter so viel Auto fahren wie bisher (aber ohne Stau), ignoriert gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse und betreibt Populismus. Demokratisch legitimierte Verkehrspolitik in Bonn richtet sich bereits seit der Entscheidung im Stadtrat aus dem Jahr 2019 (unter OB Sridharan) an dem Ziel aus, den Anteil des Autoverkehrs weiter zu reduzieren (mehr dazu hier: https://www.radentscheid-bonn.de/blog/verkehrswende-ja-aber-bitte-nicht-mein-auto-anfassen/). Die Polarisierung der Gesellschaft und der Diskussion entsteht erst durch die Stimmen, die sich nicht mit den Fakten auseinandersetzen und die Angemessenheit von Privilegien für den motorisierten Verkehr (von Dieselsubvention bis kostenlosem Parken) nicht hinterfragen wollen. Sicher, es mag hart und unangenehm sein, sich einzugestehen, dass es nicht weitergehen kann wie bisher. Die Frage ist, woran sich Verkehrspolitik ausrichten sollte: an den lieb gewonnenen Gewohnheiten der Menschen, oder an Verkehrssicherheit, Luftqualität und Klimaschutz? Als gebildete und aufgeklärte Gesellschaft sollten wir in der Lage sein, Fakten zu verstehen und zu reflektieren, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Mit Unterstützung von Kommunikationsexpert*innen gelänge das sogar noch besser.

    geschrieben von Sonja

  • Verkehrswende ja – aber bitte nicht mein Auto anfassen

    Verkehrswende ja – aber bitte nicht mein Auto anfassen

    Die Kampagne “Vorfahrt Vernunft” der Bonner Wirtschaftsverbände (IHK, Kreishandwerkerschaft, Handwerkskammer, Einzelhandelsverband, City-Marketing) spricht sich vordergründig dafür aus, die Verkehrswende zu unterstützen. Abgesehen von der bereits offensichtlich dieser Aussage widersprechenden Tatsache, dass sich alle vier von der Kampagne aufgelisteten zentralen Herausforderungen um den Autoverkehr drehen und andere Verkehrsmittel daher anscheinend für die Wirtschaftsverbände weniger wichtig sind, lohnt ein Blick in die Texte der Kampagnen-Webseite, um zu sehen, dass die Bonner Wirtschaftsverbände den Begriff Verkehrswende anscheinend nicht verstanden haben.

    Was heißt eigentlich Verkehrswende?

    Zwar gibt es für den Begriff Verkehrswende durchaus unterschiedliche Definitionen. Für Bonn allerdings ist die Definition recht einfach. Bereits 2019 – noch vor der letzten Kommunalwahl – hat der Stadtrat mehrheitlich entschieden, wie die Verkehrswende in Bonn aussehen soll: Bis 2030 soll sich der Modal Split, also der Anteil der unterschiedlichen Verkehrsmittel am Gesamtverkehrsaufkommen, stark zugunsten der Verkehrsmittel ÖPNV, Rad und zu Fuß verschieben – mindestens 75% aller Wege in Bonn sollen 2030 mit diesen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Das ist eine enorme Verschiebung, wie ein Blick auf die beiden folgenden Grafiken zeigt.

    Quelle: Mobilität in Deutschland 2017, Auswertung für Bonn

    In Blautönen dargestellt ist der Anteil des Autoverkehrs (als Fahrer bzw. Mitfahrer) an den zurückgelegten Wegen in Bonn. In Grüntönen sind die Verkehrsmittel des sogenannten Umweltverbundes dargestellt: zu Fuß, Fahrrad, ÖPNV.

    Die letzte verfügbare Datengrundlage für den Modal Split stammt von 2017 und entstammt der vom Bundesverkehrsministerium in Auftrag gegebenen Studie “Mobilität in Deutschland” (2023 werden neue Daten erhoben, die 2024 zur Verfügung stehen sollten). 2017 lag der Anteil des Autoverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen in Bonn bei 41%. 2030 – das ist in gerade mal sieben Jahren – soll dieser Anteil auf maximal 25% gesunken sein. Das ist ein Rückgang um etwa 40%.

    Noch mal: Der Anteil des Autoverkehrs in Bonn soll bis 2030 um 40% zurückgehen. Gleichzeitig soll der Anteil der anderen Verkehrsträger um ein Viertel zunehmen. Das ist das Verkehrswende-Ziel, das die Stadt Bonn sich – vor bereits längerer Zeit – gegeben hat. Auch damals war die Motivation bereits sowohl der Klimaschutz als auch die Lösung der in Bonn unbestreitbar vorhandenen Verkehrsprobleme.

    Infrastruktur für die Zukunft

    Mit Blick auf dieses Ziel erscheint es logisch, dass die Verkehrsinfrastruktur in Bonn 2030 anders aussehen muss als jetzt. Zufussgehende und Radfahrende werden deutlich mehr Raum brauchen, da mehr Menschen zu Fuß gehen und Radfahren werden. Auch der ÖPNV muss deutlich ausgebaut werden, um der geplanten steigenden Bedeutung gerecht zu werden. Für den Autoverkehr hingegen wird künftig weniger Infrastruktur benötigt, da deutlich weniger Wege mit dem Auto zurückgelegt werden.

    Man kann darüber streiten, was der richtige Weg ist, diesen Zustand 2030 zu erreichen. Das Ziel an sich ist aber von einer breiten politischen Mehrheit in Bonn beschlossen (auch mit Zustimmung jetziger Oppositionsparteien) und sollte daher nicht Gegenstand der Diskussion sein.

    Wirtschaftsverbände fordern bessere Autoinfrastruktur

    An diesem Punkt lohnt ein Blick auf die Kampagnen-Webseite der Wirtschaftsverbände. Unter dem Stichwort “Lösungen” listet die Kampagne ihre Vorschläge für die Bonner Verkehrspolitik auf. Auffällig dabei: Geht es nach den Wirtschaftsverbänden, soll die Infrastruktur für alle Verkehrsträger – auch für das Auto – ausgebaut werden. 

    So schlägt die Kampagne beispielsweise vor, Ampelkreuzungen zu Kreisverkehren umzubauen, um dadurch die Kapazität für den Autoverkehr zu erhöhen. Auch eine Optimierung der Ampelschaltungen für den Autoverkehr schlägt die Kampagne vor und verfolgt damit ebenfalls das Ziel, den Verkehrsfluss zu beschleunigen und somit mehr Autoverkehr zu ermöglichen. Umweltspuren sollten für den Autoverkehr der Wirtschaftsunternehmen freigegeben werden – gerade erst dem ÖPNV zugeschlagener Platz also wieder teilweise zum Autoverkehr rückumverteilt werden.

    Dies sind nur einige der Maßnahmen, die die Kampagne für den Autoverkehr vorschlägt. Mit Blick auf das oben beschriebene Bonner Verkehrswende-Ziel erscheinen diese Vorschläge mehr als fragwürdig.

    Wieso sollte Bonn Infrastruktur für noch mehr Autoverkehr schaffen, wenn der Anteil des Autoverkehrs in den nächsten Jahren stark abnehmen soll? Wäre das sinnvoll verwendetes Geld? Der sowieso nur sehr begrenzt zur Verfügung stehende Platz in unserer Stadt wird für den Ausbau des ÖPNV sowie Rad- und Fußverkehr gebraucht – die Verkehrsmittel, die laut Beschluß gefördert werden sollen. Auch wenn man keine neuen Autostraßen baut, sondern nur die vorhandene Autoinfrastruktur effizienter macht (z.B. Ampelschaltungen) wird das nur zu noch mehr Autoverkehr statt weniger Stau führen, sofern nicht vorher die Alternativen massiv ausgebaut werden.

    Zu Recht weist die Kampagne darauf hin, dass gerade Wirtschaftsunternehmen bestimmter Branchen (z.B. Handwerk) z.Zt. noch schwer auf das Auto verzichten können. Auch  hierzu lohnt wieder ein Blick in die Mobilitätsstudie von 2017: Nur ein Drittel der Wege in Bonn ist berufsbedingt. Die restlichen zwei Drittel sind Privatfahrten, z.B. zum Einkaufen, zu Freizeitaktivitäten usw. Das bedeutet: Die Verlagerung weg vom Auto hin zu anderen Verkehrsträgern muss nicht unbedingt bei den Unternehmen passieren, die vom Auto abhängig sind. Gerade diese Unternehmen werden profitieren, wenn durch Verkehrsverlagerung der Autoverkehr abnimmt. Dann wird für den Wirtschaftsverkehr mehr Platz bleiben. Dazu braucht es aber keinen Ausbau der Autoinfrastruktur, sondern der Alternativen.

    Radwege ja, aber bitte woanders

    Dass die Wirtschaftsverbände primär das Auto im Blick haben, lässt sich auch an den Vorschlägen zum Radverkehr ablesen. So schlägt die Kampagne vor: “In den Innenstädten sollten durchgehende Radwegenetze geschaffen werden, die von den Hauptverkehrsstraßen des motorisierten Individualverkehrs größtenteils entkoppelt sind.” Das klingt erstmal gut. Beim zweiten Lesen fällt allerdings direkt auf: In diesem Satz versteckt sich die Forderung, die Auto-Infrastruktur möglichst nicht anzutasten und die zu errichtenden Radwege irgendwo anders zu bauen. Ideen, wo genau das passieren soll, wenn nicht im vorhandenen Straßenraum, bleibt die Kampagne schuldig.

    Auch an diesem Punkt sieht man wieder, dass die Wirtschaftsverbände anscheinend nicht anerkennen wollen, dass der Anteil des Autoverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen in Bonn sinken soll. Die Wirtschaftsverbände möchten den Status Quo der Auto-Infrastruktur beibehalten. Wird das so umgesetzt, wird der Anteil des Autoverkehrs nicht sinken. Menschen wählen das Verkehrsmittel, für das sie eine gute Infrastruktur in ihrer Umgebung vorfinden. 

    Diese gute Infrastruktur für Zufussgehende und Radfahrende muss jetzt gebaut werden. Für den ÖPNV muss sie ausgebaut werden. Dadurch wird die Nutzung alternativer Verkehrsmittel so einfach, sicher und attraktiv, dass die Leute umsteigen. Woher soll der Platz für diesen notwendigen Ausbau kommen, wenn nicht von der bisher sehr raumgreifenden Autoinfrastruktur? Eine Führung der Radverkehrs ausschließlich durch verwinkelte Nebenstraßen – also “entkoppelt” von den Hauptverkehrsstraßen – wird keine attraktive Radinfrastruktur hervorbringen, die wirklich als Alternative wahrgenommen wird.

    ÖPNV ja bitte – aber abseits der Autostraßen

    Dass die Wirtschaftsverbände auf der einen Seite einen Ausbau des ÖPNV fordern, auf der anderen Seite aber seit Monaten die Einrichtung von Umweltspuren (die den Busverkehr beschleunigen und den ÖPNV dadurch attraktiver machen sollen) auf dem Hermann-Wandersleb-Ring und der Oxfordstraße medial torpedieren ist ein weiterer Punkt, der zeigt, dass die Kampagne die Autoinfrastruktur bewahren möchte. Hier wird wieder sehr deutlich: Die Wirtschaftsverbände sind nur so lange für den Ausbau alternativer Verkehrsträger, wie der Autoverkehr nicht betroffen ist.

    Doch so wird es nicht gehen. Es existiert in Bonn einfach nicht genug grüne Wiese, um neben der existierenden Autoinfrastruktur noch gute Rad- und Gehwege sowie guten ÖPNV zu bauen. Der Platz in unserer Stadt ist begrenzt. 

    Ein Blick auf die Vorschläge der Kampagne zum ÖPNV verdeutlicht dies noch mehr: Seilbahnbau, Ausbau der S23 und mehr Stadtbahnen sind tolle Sachen, die ich auch alle befürworte. Aber es fällt doch sehr auf, dass sich die Kampagne zum Ausbau des Busverkehrs fast vollständig ausschweigt. Beim Busverkehr würde es sofort zu Platzkonflikten mit dem Autoverkehr kommen (siehe Umweltspuren) – also klammern die Wirtschaftsverbände das Thema anscheinend lieber aus.

    Das Dauerthema Parkplätze

    Auch zum Thema Parkplätze hat die Kampagne eine Meinung. Sie schreibt: “Eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung darf nicht mit einem wesentlichen Verlust an Parkraum einhergehen.” Einen Vorschlag hat sie auch gleich parat: “Wegfallender Parkraum auf der Straße muss also an anderer Stelle kompensiert werden: durch den systematischen Auf- und Ausbau von Quartiersgaragen.”

    Es erscheint doch sehr sportlich, in allen Bonner Vierteln bis 2030 Quartiersgaragen zu bauen, um dann anschließend noch den so gewonnenen Platz auf der Straße neu zu verteilen. Das ist in der verbleibenden Zeit wohl nicht umsetzbar – von der Finanzierung mal ganz abgesehen. Auch weitere Aspekte des Vorschlags wirken wenig durchdacht: Woher sollen die Grundstücke für diese Quartiersgaragen kommen? Sollen bestehende Wohngebäude abgerissen werden? Wer soll den Bau so vieler Garagen eigentlich bezahlen bzw. wer möchte sich den zweifelsohne durch die hohen Baukosten sehr teuren Stellplatz in so einer Garage leisten? Und wer möchte neben einer Quartiersgarage wohnen? Der Vorschlag scheint mir reine Verzögerungstaktik zu sein. Realistisch ist er nicht.

    Der Bau von Quartiersgaragen ist auch vor dem Hintergrund der gewollten Verringerung des Autoverkehrs bis 2030 nicht nachvollziehbar. Zum einen ist es nur logisch, dass sich durch Verlagerung von Verkehr auf alternative Verkehrsträger die Anzahl der Autos in unserer Stadt verringern wird. Wenn deutlich weniger Wege mit dem Auto zurückgelegt werden, wird es dazu weniger Autos brauchen. Menschen werden nicht auf Bus und Bahn umsteigen und weiterhin ein ungenutztes Auto an der Straße parken. Das macht allein aufgrund der hohen Kosten eines Autos schon keinen Sinn. Der zur Zeit in Bonn beobachtbare starke Ausbau des Carsharing kommt hinzu. Die Anzahl der benötigten Parkplätze wird also sinken. Dies macht den Nutzen teurer und zeitaufwändiger Quartiersgaragen fraglich.

    Natürlich brauchen vom Auto abhängige Menschen einen Parkplatz für ihr Auto. Dazu sollte aber erstmal das vorhandene Potential an Stellplätzen auf privatem Grund ausgenutzt werden. Die z.Zt. vorangetriebene Einführung von Anwohnerparkzonen wird – zumindest in Vierteln, die zentrumsnah oder nah an Arbeitsplatzschwerpunkten liegen – ebenfalls die Anzahl der erforderlichen Parkplätze reduzieren. Unternehmen sollten schauen, wie sie die Anreise ihrer Mitarbeiter anders als mit dem PKW gestalten können, sofern sie nicht über ausreichend eigenen Parkraum verfügen.

    Fazit

    2019 hat die Bonner Politik beschlossen, wie eine Verkehrswende in Bonn aussehen soll. Vier Jahre später haben die Bonner Wirtschaftsverbände dies anscheinend noch nicht verstanden. Das Ziel, bis 2030 75% der Wege auf den Umweltverbund (zu Fuß, Fahrrad, ÖPNV) zu verlagern ist nicht erreichbar, wenn man zwar immerhin einen Ausbau der Alternativen fordert, die Autoinfrastruktur aber wie eine heilige Kuh behandelt.

    Es muss eine Neuverteilung des Verkehrsraumes in unserer Stadt stattfinden, wenn wir die Verkehrswende schaffen wollen. Diese Neuverteilung kann nur zu Lasten des platzineffizientesten Verkehrsmittels gehen: des Autos. Platz für die stark auszubauende Gehweg-, Radweg- und ÖPNV-Infrastruktur wächst nicht auf Bäumen. Wir müssen mit dem Platz arbeiten, der da ist.

    Absurderweise wird durch diesen Umbau, den die Wirtschaftsverbände ablehnen, genau das erreicht, was die Kampagne als größte Herausforderung sieht: Das Bonner Stauproblem wird gelöst sein, wenn viele Menschen bis 2030 auf effizientere Verkehrsmittel umgestiegen sind. Davon wird insbesondere der Wirtschaftsverkehr profitieren.

    geschrieben von Martin P.

  • Mit den Kids durch Bad Godesberg

    Mit den Kids durch Bad Godesberg

    Am 03.09. folgt die zweite Kidical Mass dieses Sommers in Bonn. Wir starten ab der Rigalschen Wiese um ca. 15 Uhr und fahren dann zuerst in Richtung Lannesdorf, um dann über die Bundesstraße zurück am Kino vorbei wieder zur Rigalschen Wiese zu kommen. Wir möchten uns auch in diesem Stadtteil entspannt und auf dem Fahrrad bewegen können. Dieses Mal sperrt die Polizei die Straßen extra für uns ab, doch wie schön wäre es, wenn wir tatsächlich so sicher und entspannt mit Kindern durch die Stadt fahren könnten?

    Bereits am 19.08. waren wir mit ca. 150 Teilnehmenden am Poppelsdorfer Schloss gestartet und radelten über Kessenich und die Südstadt dorthin zurück. Unsere Routen sind meistens zwischen 6 und 7km lang und wir passen das Tempo den Kindern an. So kann es mitunter auch zu Pausen kommen, um auf die Schlusslichter zu warten. Das gibt die Gelegenheit, die Stadt mal aus einer seltenen Perspektive wahrzunehmen und es zu genießen.

    Bei allen unseren Fahrrad-Demos freuen wir uns über die Unterstützung des ADFC und vieler engagierter Eltern. Mit jedem Termin geben wir so vielen Kindern die Möglichkeit, sich ihre Stadt ein wenig zurückzuerobern. Wir suchen weiterhin Menschen, die mithelfen beim Fotografieren, Routenplanen, Werbemaßnahmen durchführen, Ordner-Aufgaben während der Demo, Videobearbeitung, usw. Meldet euch gern unter kidicalmass@radentscheid-bonn.de

  • IGS Bonn-Beuel eröffnet schuleigene Fahrradwerkstatt am CarFreiTag im August

    IGS Bonn-Beuel eröffnet schuleigene Fahrradwerkstatt am CarFreiTag im August

    Pressemitteilung der Schüler*innenvertretung der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel

    Mit dem Start des neuen Schuljahrs geht der CarFreiTag in die nächste Runde. Dafür wird am Freitag, 25. August 2023 der nun schon 6. CarFreiTag mit dem Aktionstag Mobilität zelebriert. Beim CarFreiTag werden alle Mitglieder der Schulgemeinde an der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel gebeten mit alternativen Verkehrsmitteln zur Schule zu kommen oder z. B. Fahrgemeinschaften zu bilden.

    Zwischen 7:30 und 8:15 Uhr sowie zwischen 13:00 und 13:30 Uhr werden die Autos an der Zufahrt zur IGS angehalten und über die Aktion informiert. Alle Mitglieder der Schulgemeinde, die mit anderen Verkehrsmitteln als dem Auto zur Schule kommen, werden mit einer Süßigkeit belohnt. Das Ziel des CarFreiTags ist in erster Linie, die gefährliche und unübersichtliche Verkehrssituation, welche durch Elterntaxis verursacht wird, zu minimieren. Aber ebenso um zu zeigen, dass das Auto meist nicht nötig ist und man ganz einfach klimafreundlich den Schulweg meistern kann. In Kooperation mit dem Radentscheid Bonn soll der CarFreiTag auf ganz Bonn übertragen werden. Erste Organisationen und Schulen nahmen schon teil, wie z.B. die Marktschule und die Stadtwerke Bonn (SWB).

    Für diese Kampage wurde die IGS Bonn-Beuel 2023 mit dem 2. Platz des Bonner Klimapreises ausgezeichnet. Das besondere dieses Aktionstages am 25.8. ist die gleichzeitig stattfindende Eröffnung der Fahrradwerkstatt und der Aktion „IGS rides Critical Mass“ unter dem Namen „Aktionstag Mobilität“.
    Bei der Eröffnung der Fahrradwerkstatt der IGS Bonn Beuel unter der Leitung von Lehrer Thomas Jänen können alle ihr Fahrrad gemeinsam mit geübten Schraubern fit machen. Die Fahrradwerkstatt wurde in den vergangenen Monaten mit Hilfe des Fördervereins der IGS und tatkräftiger Unterstützung von Schülerinnen und Schülern neu eingerichtet und mit Spezialwerkzeug ausgestattet. In der Zukunft nutzt die Fahrrad-AG die Räumlichkeiten und die Fahrräder der Schulgemeinschaft können dort unter Anleitung gewartet und repariert werden.

    Im Rahmen der Aktion „IGS rides Critical Mass“ organisiert die Schüler*innenvertretung der IGS einen eigenen Zubringer zur Bonner Critical Mass am Hofgarten. Die Critical Mass ist eine
    Fahrraddemonstration, die sich für mehr Fahrradfahren in Bonn, für die Fahrradinfrastruktur und den Klimaschutz einsetzt. Alle Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern sind herzlich eingeladen an dieser teilzunehmen. Treffen für alle Teilnehmenden ist um 17:00 Uhr am Kreisel vor der Schule. Von dort aus fahren sie zusammen zum Hofgarten und demonstrieren mit ihrer eigenen Aktion an der Bonner Critical Mass mit. Im Vorfeld werden die Schüler:innen mit einem selbstgedrehten Video über die Critical
    Mass informiert.

    Auch dieses Mal wird wieder eine hohe Teilnahme am CarFreiTag erwartet. „Einmal im Monat vom Auto auf ein umweltfreundliches Verkehrsmittel umzusteigen ist für die meisten Menschen machbar. Wenn viele Bonnerinnen und Bonnen entdecken, wie einfach es geht und wie viel Spaß das sogar machen kann, haben wir unser Ziel erreicht“, sagt Sonja Thiele vom Radentscheid Bonn. Auch zukünftig wird der CarFreiTag einmal im Monat stattfinden, jeweils am letzten Freitag im Monat.

  • Umgestaltung der Adenauerallee: wie wirkt es sich auf die Geschäfte aus?

    Umgestaltung der Adenauerallee: wie wirkt es sich auf die Geschäfte aus?

    Interview mit Jonas Wolfes von Wolfes & Wolfes

    Das Interview führte Sonja Thiele mit dem Inhaber Jonas Wolfes von Wolfes & Wolfes am 28.7.2023. Anlass war die Radentscheid-Aktion auf der Adenauerallee, bei der wir für die Dauer von zwei Stunden eine geschützte Pop-Up-Bikelane zwischen Hofgarten und Weberstraße eingerichtet haben.

    Sonja Thiele: Wir haben heute die Aktion mit der geschützten Pop-Up-Bikelane auf der Adenauerallee direkt vor deiner Tür. Vielleicht kannst du kurz sagen, wo wir hier gerade sind?

    Jonas Wolfes: Wir sind hier im Ladengeschäft Wolfes & Wolfes an der Adenauerallee. Wir sind ein kleines, inhabergeführtes Geschäft für Naturmatratzen, Naturbettwaren und Futons und sind hier seit ca. 13 Jahren ansässig, insgesamt gibt es uns seit 37 Jahren in Bonn.

    Sonja: Wie bewertest du die Idee eines geschützten Radwegs auf der Adenauerallee und die Aktion mit der Pop-Up-Bikelane heute?

    Jonas: Ich finde, das ist eine super Idee. Wir sind dieser Aktion grundsätzlich sehr positiv gegenüber eingestellt.

    Sonja: Wie denkst du, wird es sich auf die Erreichbarkeit des Geschäfts auswirken, wenn es auf der Adenauerallee einen dauerhaften geschützten Radweg geben wird?

    Jonas: Grundsätzlich in keinem Sinne negativ, ich würde eher sagen positiv. Wir haben eigene Parkplätze im Hinterhof, die weiterhin genutzt werden können. Eine geschützte Radspur würde sich eher positiv auf die Aufmerksamkeit auswirken, die unserem Ladengeschäft entgegengebracht wird. Das liegt daran, dass das Tempo der Radfahrenden, die hier vorbeifahren, gemächlicher ist als das des Autoverkehrs, diese potenziellen Kund*innen nehmen uns also besser wahr.

    Sonja: Wenn auf der Adenauerallee dauerhaft eine geschützte Radspur eingerichtet wird, wie bekommst du dann deine Ware?

    Jonas: Unsere Ware wird mit Lkw angeliefert, wir haben natürlich Speditionen, die uns beliefern. Es ist ja geplant, dass die Stadt Lieferzonen dafür einrichtet. Wenn diese Lieferzonen nicht direkt vor dem Ladengeschäft wären, wäre das für uns eigentlich logistisch kein Problem, da wir eigene Hubwagen haben und ein großes Lager im Hinterhof.

    Sonja: Vielen Dank für das Gespräch!