Fast zeitgleich kommen Barbara und ich mit unseren Rädern an der Kreuzung vor dem Stadthaus an. Hier haben wir uns verabredet, um über die Situation auf der Oxfordstraße zu sprechen. Es ist Freitagnachmittag. Der Berufsverkehr sorgt für volle Straßen.
Barbara hat kein Auto. Sie braucht auch keines. Ihr Fahrrad ist ihr Verkehrsmittel für alles: für den Weg zur Arbeit, für den Einkauf, für jeden Alltagsweg in Bonn. Und genau deshalb ist sie eine von acht Bonner Bürger:innen, die gemeinsam mit dem ADFC Bonn/Rhein-Sieg für den Erhalt der Radspuren auf der Oxfordstraße und der Adenauerallee klagen.

Wer verstehen will, warum diese Klage keine abstrakte verkehrspolitische Petitesse ist, sollte Barbara zuhören. Sie kennt Radfahren auf der Oxfordstraße nicht nur aus der Theorie. Sie fährt dort fast täglich.
Die Radwege, die alles besser gemacht haben
Barbara wohnt in der Bonner Nordstadt und erinnert sich noch gut an die Zeit vor der Einrichtung der vom Autoverkehr getrennten Radwege auf der Oxfordstraße. „Das war schon immer höchst unangenehm hier“, sagt sie. Als die Neuaufteilung der Straße dann vor einigen Jahren kam, war das für sie eine spürbare Erleichterung – auch wenn längst nicht alles perfekt war. Vor allem am Bertha-von-Suttner-Platz blieb es eng. Dort fahren Radfahrende zwischen den Bussen und Autos hindurch und müssen dann noch auf rechts abbiegende Autos aufpassen. Aber die Richtung stimmte. Barbara ist von der grundsätzlichen Notwendigkeit der Verkehrswende überzeugt.
“Wir brauchen die Verkehrswende dringend, weil eine Stadt der Zukunft nicht nur um den Autoverkehr herum funktionieren kann. Man muss alle anderen Formen attraktiver machen: Park and Ride, funktionierender ÖPNV, ein attraktives und sicheres Radnetz – damit sich auch Leute trauen, die sagen: Eigentlich bin ich nicht so der Fahrradtyp, aber ich probier’s mal.”
„Da wäre noch so viel Potenzial gewesen, das einfach in die richtige Richtung weiterzuentwickeln“, sagt Barbara – insbesondere jetzt, wo durch die Sperrung der Nordbrücke so viel mehr Menschen aufs Fahrrad umgestiegen sind. Umso unverständlicher findet sie, dass die Stadt nun genau die andere Richtung eingeschlagen hat.
Die Oxfordstraße ist die zentrale direkte Verbindung
Wir sprechen über mögliche Alternativrouten zur Oxfordstraße. Barbara erklärt, dass sie als Radfahrerin ohnehin gezwungen ist, ihre Wege danach auszurichten, wo es sicher ist – nicht danach, wo es am kürzesten ist. „Ich kann nicht immer den direkten Weg fahren, weil es einfach zu gefährlich ist“, sagt sie.
Für ihren Arbeitsweg Richtung Köln fährt sie über die Kennedybrücke. Von zu Hause in der Nordstadt dorthin oder zurück gäbe es theoretisch auch den Weg über die Ringe und am Rheinufer entlang. Dieser ist aber zum Einen deutlich länger als die Verbindung über die Oxfordstraße. Zum anderen blockieren am Kaiser-Karl-Ring zur Zeit mehrere Baustellen den schmalen Radweg, so dass man als Radfahrer auf den Gehweg ausweichen muss. Eine echte Alternative ist das nicht.
Deshalb hat sie es besonders getroffen, als eine der wenigen funktionierenden zentralen Radverbindungen in Bonn plötzlich zur Disposition stand.
„Es gibt eine Infrastruktur, die zwar noch nicht so ist, wie sie sein müsste, aber die ist auf einem guten Weg – und die wird jetzt einfach komplett zurückgenommen. Da habe ich gedacht: Das geht so nicht. Ich muss da irgendwas machen.“
Mehr Verkehr, mehr Schutz – nicht umgekehrt
Die Stadt begründet den Rückbau mit dem zusätzlichen Autoverkehr, der seit der Nordbrücken-Sperrung durch die Innenstadt fließt. Barbara dreht dieses Argument um. „Die Flüssigkeit des Verkehrs bedeutet ja nicht nur die Flüssigkeit des Autoverkehrs, sondern aller Verkehrsarten“, sagt sie. „Für Radfahrende ist im Moment weder die Flüssigkeit noch die Sicherheit gegeben.“ Gerade weil mehr Verkehr unterwegs ist, brauche es mehr Schutz für die Verkehrsteilnehmenden, die dabei am verletzlichsten sind.

Mittlerweile stehen wir auf dem Plateau vor dem Stadthaus und schauen auf die Oxfordstraße hinab. Ob der Rückbau dem Autoverkehr überhaupt etwas bringt, bezweifelt Barbara. An der Kreuzung, auf die wir schauen, sieht sie keine Verbesserung: „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Autos jetzt flüssiger fahren. Sie stehen halt jetzt zweispurig im Stau und blockieren die Kreuzung.“ Die neuen Spuren seien zudem so schmal, dass der gesetzliche Sicherheitsabstand zu Radfahrenden auf dem Schutzstreifen praktisch nie eingehalten werde. Die zweite Autospur sei damit ohnehin kaum legal nutzbar. Während unseres Gesprächs auf dem Plateau sehen wir mehrfach, wie Radfahrer auf dem Schutzstreifen zu eng überholt werden. Barbara bezeichnet die neuen Radschutzstreifen als “eine Führung, auf der eigentlich nur Profis fahren.”
Wenn selbst der Rettungswagen nicht mehr durchkommt
Barbaras Beobachtungen gehen über die Rad-Perspektive hinaus. Besonders eine Beobachtung der letzten Zeit lässt sie nicht los: Rettungswagen und Feuerwehr, die an Kreuzungen feststecken, weil Autos einfach hineinfahren. Früher konnten Rettungswagen auf die Radwege oder die Umweltspur ausweichen und so weiterfahren. „Das geht jetzt auch nicht mehr“, sagt sie. „Die stecken dann einfach fest.“

Auch die Umleitung für den Radverkehr durch die Innenstadt, über die Sterntorbrücke, den Friedensplatz und die Wilhelmstraße, beschreibt sie als kaum durchdacht: Auf dem Friedensplatz müssen Radfahrer zwischen Bussen und falsch parkenden Autos manövrieren, in der Wilhelmstraße fühlt sie sich vor der Ampel eingequetscht ohne Sicherheitsabstand zwischen Wand und Bus.
Wir schauen vom Stadthaus-Plateau hinunter auf die Kreuzung, die immer wieder durch Autos vollgestellt wird, so dass Radfahrer und Fußgänger aus der Altstadt Richtung City oder andersrum nicht durchkommen.

Der Winter kommt – und die Radler:innen bleiben
Wir kommen im Gespräch auf die in den letzten Wochen mehrfach getätigten Aussagen der Stadtverwaltung, Bonn müsse sich auf den Winter vorbereiten, weil dann ohnehin kaum noch jemand Rad fahre. Hier widerspricht Barbara: „Ich fahre das ganze Jahr, weil das Fahrrad einfach mein Verkehrsmittel ist. Ich muss ja auch im Winter irgendwo hinkommen“, sagt sie. Sie glaubt in Anbetracht des nach der Brückensperrung stark angestiegenen Radverkehrs, dass selbst bei einem Einbruch im Winter deutlich mehr Radfahrer fahren werden als in den letzten Jahren. Für sie folgt daraus das Gegenteil dessen, was die Stadt plant: „Gerade im Winter wäre eine ordentliche Radinfrastruktur so viel wichtiger, weil es einfach gefährlicher ist. Es ist dunkler, es kann unangenehmer werden. Da muss man erst recht geschützt werden.“
Warum Barbara klagt
Am Ende unseres Gesprächs kommen wir doch noch mal auf die positiven Dinge zu sprechen. Was Barbara am meisten motiviert, ist ein Bild, das sie seit der Nordbrücken-Sperrung immer wieder vor Augen hat: „Ich habe mich total gefreut, als ich gesehen habe, wie so viel mehr und ganz unterschiedliche Menschen aufs Rad umgestiegen sind – auch Leute, die sonst gar nicht so viel Rad fahren.“ Genau dieser Fortschritt steht für sie jetzt auf dem Spiel.
Deshalb klagt Barbara nicht für abstrakte Prinzipien, sondern für eine Infrastruktur, die sie – und viele andere – jeden Tag tatsächlich nutzen:
„Das darf jetzt nicht sein, dass das alles wieder rückabgewickelt wird und wir wieder Richtung 70er-Jahre gehen. Das geht einfach nicht.”

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